Ob Steuersenkung oder Schuldenbremse: Betrachtet man die
wirtschaftspolitischen Vorschläge der vergangenen Wochen – die offenbar
auch jene des Bundestagswahlkampfs sein werden –, kann man den Eindruck
gewinnen, wir hätten die Krise bereits hinter uns. Nicht die
Wirtschaftskrise wird zunehmend als Problem gesehen, sondern das
Wachstum der Staatsschulden sowie die angeblich drohende Inflation.
Doch weit gefehlt: Die eigentlichen Krisenfolgen werden uns erst nach
den Wahlen erreichen. Völlig zur Unzeit wird gegenwärtig, insbesondere
im CSU-geführten Bundeswirtschaftsministerium, bereits an einer
Exit-Strategie aus der unabdingbaren Staatsverschuldung gearbeitet.
Dies könnte verheerende Folgen haben. Gerade ein Ende der
Konjunkturpolitik mittels staatlicher Ausgaben ließe die Schulden
steigen. Ruhig bleiben, müsste deshalb eigentlich die Devise lauten –
aber die zunehmend populistischen Steuersenkungsparolen überlagern
derzeit alles.
Im anhebenden Wahlkampf liegen die Hauptursachen für die verheerend
falsche Prioritätensetzung. Dabei zeigt bereits ein kurzer Blick, dass
der Schuldensprung des letzten Jahres konjunkturell bedingt ist, dass
es sich um die Folge der globalen Wirtschaftskrise handelt. Mitte Mai
legte eine hochkarätige Gruppe von Finanzexperten ihre Schätzung der
Steuereinnahmen bis 2013 vor. Demnach muss gegenüber der letzten
Schätzung vom Herbst 2008 mit einem bedrohlichen Absturz kalkuliert
werden. Ursprünglich sah der Bund für 2010 nur 6 Mrd. Euro
Neuverschuldung vor, ab 2011 sollte gar die Nullverschuldung erreicht
sein. Nach der Vorlage des Frühjahrsgutachtens der
wirtschaftswissenschaftlichen Institute muss jetzt infolge der Krise
mit einem Absturz des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um real sechs Prozent
gerechnet werden. Allein durch die Anpassung der Konjunkturprognose
reduzieren sich die erwarteten Steuereinnahmen um rund 30 Mrd. Euro.
Insgesamt wird für 2009 mit einer Neuverschuldung von 86 Mrd. Euro
gerechnet und für 2010 von weiteren 72 Mrd. Euro, die bis 2013 auf 46
Mrd. Euro zurückgehen sollen. Kurzum: Bis 2013 erwarten die Schätzer
einen Steuereinbruch bei den öffentlichen Haushalten von über 316 Mrd.
Euro.
Die
Hauptursache dieses gigantischen Steuerlochs liegt auf der Hand. Bei
der letzten Prognose im Oktober 2008 – also bereits nach Zusammenbruch
von Lehmann Brothers – wurde für 2009 gemäß der Regierungsvorgabe viel
zu optimistisch gerechnet, nämlich mit einem, wenn auch hauchdünnen,
Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Produktion. Nun erleben wir eine
globale Krise mit gewaltigen nationalen Steuerausfällen. Dazu kommen
wachsende Krisenkosten, etwa für die schnell gestrickten
Banken-Hilfspakete und für die Konjunkturprogramme. Allein durch die
Rettungsmaßnahmen der Banken werden die öffentlichen Haushalte in
dreistelliger Milliardenhöhe belastet.
Was ist angesichts der massiven Steuereinbußen zu tun? Grundfalsch
wäre es, ob der Neuverschuldung in Panik zu verfallen. Verheerend wäre
eine vorzeitige Exit-Politik, ein Schwenk zurück zur alten Sparpolitik
– ohne Blick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. In dieser Krise
dürfen die Staatsausgaben grundsätzlich nicht gekürzt werden. Das ist
die Lehre des letzten Jahrhunderts, nicht zuletzt aus der
katastrophalen Notverordnungspolitik Heinrich Brünings in der
Weltwirtschaftskrise am Ende der Weimarer Republik.
Der Staat in der Pflicht
Da die externe Nachfrage durch die globale Krise ausfällt (möglicherweise sogar unwiederbringlich) 1
, muss zur Stärkung der Binnenachfrage vorerst der Staat die
gesamtwirtschaftliche Führungsrolle übernehmen – in erster Linie über
öffentliche Investitionsprogramme, die, um ihre gesamtwirtschaftliche
Wirkung zu verbessern, auch über Kreditaufnahme finanziert werden
müssen. Ganz in diesem Sinne wurde mit dem am 1. Juli in Kraft
getretenen zweiten Konjunkturprogramm wenigstens teilweise auch die
Nachfrage gestärkt.
Kurzfristig trägt diese Expansionspolitik zur konjunkturellen
Stärkung vor allem der lokalen Wirtschaft bei, was auch für höhere
Steuereinnahmen sorgen wird. Langfristig profitieren künftige
Generationen, etwa von der Finanzierung der Maßnahmen für eine bessere
Umwelt und für Bildung.
Im Einzelnen können durchaus auch Steuersenkungen vernünftig sein,
um die Wirtschaft anzukurbeln. Das betrifft aber vor allem die unteren
Einkommen, bei denen Lohnerhöhungen von drei Prozent durch die
sogenannte Kalte Progression in der Regel sofort weggesteuert werden
(der sogenannte Mittelstandsbauch ist davon weit weniger betroffen).
Wenn die Nachfrage stimuliert werden kann, dann durch Senkung der
Belastung bei den sozial Schwachen, insbesondere durch Senkung der
Mehrwertsteuer. Die Anhebung des Normalsteuersatzes ab 2007 auf 19
Prozent sollte deshalb zurückgenommen werden. Schließlich war die
größte Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik bereits bei
ihrer Einführung gesamtwirtschaftlich falsch und führte beim Handwerk
und bei kleinen und mittleren Unternehmen zu erheblichen
Kostenbelastungen. Bei einer Senkung um drei Prozent wären zwar
Steuerausfälle im Umfang von rund 22 Mrd. Euro zu erwarten; diese
würden durch staatliche Mehreinnahmen jedoch aufgefangen. Denn von
einer Senkung des Normalsteuersatzes um drei Prozentpunkte profitieren
über entsprechende Preissenkungen die Konsumenten, die mehr konsumieren
– und somit die deutsche Wirtschaft und damit letztlich, über
Steuereinnahmen, auch der Staat. Dagegen wird eingewendet, viele
Unternehmen würden die Steuerentlastung durch den Staat nicht in
reduzierten Preisen weitergeben. Angesichts der massiven
Nachfragedefizite sowie der Konkurrenz gerade auch im Einzelhandel ist
jedoch durchaus mit einer Weitergabe des reduzierten Steuersatzes in
sinkenden Preisen zu rechnen.
Zwar ist gerade bei sozial Schwachen der Anteil von Gütern und
Dienstleistungen, die mit dem ermäßigten Steuersatz von 7 Prozent
belastet werden, vergleichsweise hoch. Aber bei einer nahezu kompletten
Verausgabung der Sozialeinkommen für den Konsum wirkten auch
Entlastungen bei den dann künftig nur noch mit 16 Prozent besteuerten
Produkten. Entlastet würde auch das Handwerk, und Schwarzarbeit könnte
zurückgedrängt werden. Wenn die Handwerksfirma auf der Rechnung nicht
mehr 19 Prozent, sondern nur noch 16 Prozent Mehrwertsteuer einfordern
muss, stärkt dies die Unternehmen. Schließlich profitieren vor allem
die kleinen und mittleren Zulieferer, die die Mehrwertsteuererhöhung ab
2007 kaum über die Preise an die monopolistischen Abnehmerfirmen, etwa
der Automobilproduktion, weitergeben konnten.
Das deutsche Mehrwertsteuersystem gilt weltweit als vergleichsweise
verteilungsgerecht. Verteilungspolitisch würden durch eine Entlastung
vor allem die Einkommensschwachen gestärkt – mit positiven Folgen für
die Gesamtnachfrage: Denjenigen, die alles in den Konsum stecken, muss
man etwas geben, den anderen, Besserverdienenden, hingegen sollte nicht
nur in Zeiten der Krise eher etwas zur Finanzierung öffentlicher
Aufgaben genommen werden. Deshalb sind die insbesondere in der Union
regelmäßig aufkommenden Debatten über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer
regelrecht absurd. Dadurch wird die reale Kaufkraft belastet und das
angestrebte Ziel der Haushaltskonsolidierung verfehlt. Diejenigen
hingegen, die über Jahre von Steuersenkungen profitiert haben, sollten
jetzt etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Deshalb sollten
Steuererhöhungen bei den Spitzenverdienern und Vermögenden zur
Finanzierung staatlicher Aufgaben durchgesetzt werden. Steuererhöhungen
müssten am Prinzip der ökonomischen Leistungsfähigkeit ansetzen:
höherer Spitzensteuersatz, höhere Erbschaft- und Schenkungsteuer,
Vermögen- und Börsenumsatzsteuer, wie von SPD und Linkspartei
vorgesehen. Die Frage bei alledem ist nur: Wo liegt die Schmerzgrenze,
ab der die Steuer wirtschaftsschädlich wirkt?
Voodoo-Ökonomie
Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Entlastung der
Unternehmen aufgrund ausbleibender Wachstumswirkung lediglich die
Staatsschulden nach oben getrieben hat. Deshalb sind generelle
Steuersenkungen mit dem Schwerpunkt auf die Unternehmen absurd – zumal
insbesondere bei der FDP nicht einmal eine Gegenfinanzierung vorgesehen
ist. Wer damit wirbt, handelt schlicht haushaltspolitisch
unverantwortlich – und bereitet den nächsten Wahlbetrug vor.
Steuersenkungen mit dem Ziel, über mehr Wirtschaftswachstum höhere
Steuern zu erzielen, sind eine Form der „Voodoo-Ökonomie“, denn die
Selbstfinanzierungseffekte treten nicht oder nur erheblich schwächer
als prognostiziert ein (wie selbst der frühere Bundesfinanzminister
Theo Waigel inzwischen eingesteht).
Dauerhaft muss die Finanzierung öffentlicher Aufgaben über die
stärkere Belastung der Einkommensstarken und Vermögenden erfolgen. Die
Erhöhung des Spitzensteuersatzes ist dringend erforderlich. Daher
sollten sich die im Bundestag vertretenen Parteien bereits jetzt darauf
einigen, nach der Bundestagswahl ab 2010 den Spitzensteuersatz bei der
Einkommensteuer generell auf 48 Prozent zu erhöhen. Immerhin lag er
noch vor wenigen Jahren bei 53 Prozent. Wer wollte da behaupten, dass
eine ohnehin moderate Erhöhung in Zeiten der Krise unzumutbar wäre?
Sofort die Mehrwertsteuer zu senken und später die Einkommensteuer
zu erhöhen, ist kurz- und mittelfristig ein probates Mittel zur
Stärkung der Binnenwirtschaft. Ergänzt werden sollte diese
Steuerpolitik durch ein Zukunftsinvestitionsprogramm, das der
Wirtschaft durch die Realisierung öffentlicher Investitionen in die
Infrastruktur Produktionsaufträge verschafft. Auch Sozialleistungen,
insbesondere der Hartz-IV-Regelsatz, sollten als Teil des
Konjunkturprogrammes erhöht werden.
Insgesamt hängt die Bewertung der Neuverschuldung stets von der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ab. Daraus folgt, dass die
Finanzpolitik die wirtschaftliche Entwicklung stärken muss – gerade in
Zeiten der Krise. Eine voreilige Exit-Strategie in der Absicht, die
Neuverschuldung durch Steuererhöhungen oder die Kürzung von
Staatsausgaben abzubauen, hätte gegenteilige Folgen: Am Ende fällt die
Staatsverschuldung gemessen am BIP höher aus, weil die Wirtschaft
schrumpft und schließlich sinkende Steuereinnahmen die Neuverschuldung
nach oben treiben.
Das bekannteste Beispiel für diese Fehlentwicklung durch eine
voreilige Exit-Strategie ist Japan: Zu Beginn der 90er Jahre platzte
dort die Immobilien- und Aktienblase. Die Politik reagierte viel zu
spät mit konjunkturstabilisierenden Nachfrageprogrammen. Erst nach
sieben Jahren zeichnete sich eine Erholung ab, aber die Staatsschulden
waren auf knapp 100 Prozent des BIP gewachsen. Deshalb wurde, im Rahmen
einer Exit-Strategie, die Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte
angehoben. Die Folge war, dass sich die Deflation rasant ausbreitete.
Binnen drei Jahren stieg die Schuldenquote von 93 Prozent vor auf 135
Prozent nach der Steuererhöhung. Mit einer aktiven Expansionsstrategie
des Staates hätte diese Schuldenfalle vermieden werden können.
Hier zeigt sich, was auch für Deutschland gilt: Bei der
Finanzpolitik müssen stets die Rückwirkungen auf das
Wirtschaftswachstum berücksichtigt werden. Die Exit-Strategie ist der
gescheiterte Versuch einer kameralistischen Finanzpolitik, die die
Einflüsse auf das Wirtschaftswachstum ignoriert. Soeben hat Christina
Romer, US-amerikanische Starökonomin und Obama-Beraterin, festgestellt,
dass auch die New-Deal-Politik Franklin D. Roosevelts zu früh, nämlich
bereits 1937, abgebrochen wurde und deshalb nicht ihre ganze Kraft
entfalten konnte.
Gefahr von Deflation statt Inflation
Der Kampf gegen die Staatsneuverschuldung wird regelmäßig mit der
angeblich grassierenden Inflationsgefahr begründet: Im Zusammenspiel
von expansiver Geldpolitik und Neuverschuldung entstünde ein
gigantisches Inflationspotential. Durch diese Behauptung wird davon
abgelenkt, dass wir uns in Wirklichkeit in einer Phase der Deflation
befinden: Was droht, ist Preisverfall auf breiter Front und damit
Gewinnverfall mit nachfolgendem Investitionsrückgang. Selbst wenn es
nach Bewältigung der Krise aufgrund der größeren sich um Umlauf
befindlichen Geldmenge zu einer sich beschleunigenden Inflation kommen
sollte, wäre diese schnell mit den Instrumenten der Geldpolitik zu
bekämpfen. Positiv ausgedrückt: Hätten wir heute eine Inflationsrate
von zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank als obere Grenze
akzeptiert, dann hätten wir die derzeitige Rezession bereits überwunden
und wieder ausreichende Nachfrage gegenüber dem vorhandenen
Angebotspotential.
Es bleibt also dabei: Jetzt stellt sich die Aufgabe, mit aktiver
Finanzpolitik die Wirtschaftskrise zu überwinden und zu einer
nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung zu finden. Eine Exit-Strategie in
Deutschland zum Abbau der Neuverschuldung würde die Schuldenfalle
vergrößern und nicht verringern. Künftigen Generationen würde damit
eine schwere Last aufgebürdet.
Zur Stärkung des Wirtschaftswachstums bedarf es deshalb weiterhin
auch schuldenfinanzierter Programme. Ein Zukunftsinvestitionsprogramm
gerade in den Feldern Bildung, Wissenschaft und ökologischer Umbau
nützt künftigen Generationen. Staatliche Ausgabenkürzungen würden
dagegen die kaum in Gang gekommene Konjunktur abrupt wieder abwürgen.
Am Ende stiege der Anteil der Staatsschulden am BIP wieder an, würde
man wegen des anhaltenden Steuerschwundes Leistungskürzungen vornehmen.
Eine Spirale nach unten wäre die Folge, mit einem immer schwächeren
Staat, der allenfalls als Lückenbüßer taugt.
Ein wirklicher Ausstieg aus der Schuldenkrise ist deshalb nur
möglich, wenn man die Wirtschaftskrise nachhaltig bekämpft. Die beste
Schuldenbekämpfung ist und bleibt jedoch die mittelfristige Generierung
neuer Einnahmen. Die Wirtschaftskrise verlangt deshalb
unkonventionellen Mut zu einer adäquaten Antikrisenstrategie. Denn wir
sind noch lange nicht über den Berg.
1 Vgl. Tilman Santarius, Nie wieder Exportweltmeister, in: „Blätter“, 7/2009, S. 9-12.