Kleine Schritte statt großer Würfe
Eine Bilanz schwarz-roter Europapolitik
Der Koalitionsvertrag von Union und SPD vom 11. November 2005 verhieß Großes. Die gegenwärtige Krise der EU
solle, so ist dort zu lesen, als Chance verstanden werden, „das europäische
Projekt an den Anforderungen unserer Zeit auszurichten. Wir müssen verloren
gegangenes Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückgewinnen“[1].
Die EU befand sich zu dieser Zeit in
einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte. Nachdem Franzosen und
Niederländer dem Verfassungsvertrag eine Absage erteilt hatten, hatte sich die Staatengemeinschaft
eine etwa einjährige Phase der Reflexion auferlegt. Wie es weitergehen sollte,
wusste niemand. Die Große Koalition setzte in dieser Phase ein Zeichen: Ein
Zeichen, dass es weitergehen muss. Ein Zeichen auch dafür, dass Deutschland den
Erwartungen seiner europäischen Partner gerecht werden wolle. Deren Hoffnung konzentrierte
sich darauf, dass Deutschland wieder in die Rolle des europäischen Motors
schlüpfen und den gordischen Knoten kontinentaler Ratlosigkeit durchschneiden werde.
Die Große Koalition nahm diese Herausforderung an: „Deutschland wird im ersten
Halbjahr 2007 die Präsidentschaft in der Europäischen Union übernehmen. In
entscheidender Zeit stehen wir in besonderer Verantwortung für das europäische
Projekt. Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um unsere Präsidentschaft
zu einem Erfolg zu führen.“[2]
Europapolitik
als Chefsache
Im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger
erkannte Bundeskanzlerin Merkel den „Charme der Ressource Außenpolitik“[3]
nicht erst im Laufe ihrer Amtszeit, sondern unmittelbar nach ihrer Vereidigung.
Die Konstellation war günstig. Helmut Kohl und Gerhard Schröder mussten zu
Beginn ihrer Kanzlerschaft das Feld der Außenpolitik teilen mit Hans-Dietrich
Genscher und Joschka Fischer, beide gewichtige und populäre
Führungspersönlichkeiten. Frank-Walter Steinmeier dagegen besaß 2005 zwar durchaus
außenpolitische Expertise, jedoch weder das öffentliche Profil noch die
innerparteiliche Reputation, um mit der Bundeskanzlerin auf Augenhöhe agieren
zu können.[4]
Merkel wusste dies und machte sofort deutlich, dass deutsche Europapolitik Chefsache
sei. Im Ringen um die finanzielle Ausstattung der EU für die Jahre 2007 bis
2013 trat sie nicht mit der Zurückhaltung einer soeben ins Amt gewählten
Regierungschefin auf. Vielmehr demonstrierte sie sogleich, dass sie gewillt
war, eine europäische Führungsrolle zu übernehmen und diese mit deutscher
Verhandlungstaktik auszufüllen. An der Suche nach einem
Kompromiss beteiligte sich Merkel intensiv und profilierte sich als
Vermittlerin zwischen Jacques Chirac und Tony Blair.
Rückkehr
und Aufbruch
Die Kaukasuskrise zeigt beispielhaft,
wie sich die Große Koalition bemüht, neue außenpolitische Akzente in ihrer
Europapolitik mit alten Grundprämissen deutscher Außenpolitik zu verbinden:
– Mit großer
Deutlichkeit bekennt sich Schwarz-Rot zu Europa und der Europäischen Union.
Immer wieder fordern Merkel wie Steinmeier Einigkeit unter den EU-Staaten ein.
Die Große Koalition rüttelt so nicht an Europa als strategischem Ankerpunkt deutscher
Außenpolitik. Vielmehr setzt sie angesichts der weltpolitischen
Machtarchitektur wie keine andere deutsche Regierung zuvor auf ein geeintes
Europa, das nicht nur den kontinentalen Frieden sichern, sondern im Sinne der
Präambel des Grundgesetzes dem Frieden auf der Welt dienen soll.
– Statt wie
Schröder vorrangig auf Russland als europäischen Partner zu setzen, knüpft die
schwarz-rote Regierung verstärkt an den Gedanken einer neuen, strategisch
geweiteten Ostpolitik an. Die Anfang Mai 2009 auf einem Gründungsgipfel in Prag
ins Leben gerufene östliche Partnerschaft zu Armenien, Aserbaidschan, Belarus,
Georgien, Moldawien und der Ukraine fand in Deutschland, das in der
Partnerschaft ein strategisches Korrektiv zur von Frankreich initiierten
Mittelmeerunion sieht, seinen einzigen Verfechter unter den europäischen Schwergewichten.[8]
Schon in den Verhandlungen um einen Ausweg aus der Verfassungskrise hatte die
schwarz-rote Außenpolitik bei den mittelosteuropäischen Staaten – allen Zugeständnissen
bereit gewesen war. Mit Beginn der Großen Koalition endete dagegen das
vertraute und zuweilen unkritische Verhältnis zwischen Deutschland und
Russland, wie es Bundeskanzler Schröder gepflegt hatte. Zu Russland ging Schwarz-Rot
auf freundschaftliche Distanz.
– Und auch in den Beziehungen zu den USA klingen wieder neue, gleichzeitig vertraute Töne an. Gegenüber Washington geben sich Merkel und Steinmeier versöhnlicher als Schröder. Der Hinweis im Koalitionsvertrag, Europa und die Vereinigten Staaten würden als Teil derselben Wertegemeinschaft verstanden,[9] verweist auf den traditionellen Gedanken der Westbindung als zentralem Pfeiler deutscher Außenpolitik. Eine Rückkehr zur traditionellen Grundprämisse deutscher Außenpolitik, sich nicht zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich entscheiden zu müssen, ist nach den Jahren der Schröder’schen Achse Moskau-Berlin-Paris greifbar.
–
Zugeständnisse an Polen ja – aber ebenso deutliche Kritik an polnischen
Alleingängen außerhalb von EU und NATO hinsichtlich der Stationierung von
US-Raketenschutzschildern in Europa.
– Versöhnliche
Töne Richtung Washington, zugleich aber scharfe Kritik am Gefangenenlager
Guantánamo Bay und einer „angelsächsischen“ Übermacht auf den Finanzmärkten zuungunsten
Europas.[10]
– Beschwörungen
der deutsch-französischen Motorrolle in Europa einerseits, deutliches Veto
gegen eine französisch dominierte Mittelmeerunion ohne die Beteiligung aller 27
EU-Staaten andererseits.
Pragmatismus statt Visionen
Schwarz-Rot vertritt wie keine andere
deutsche Regierung vor ihr selbstbewusst deutsche und europäische Interessen,
ohne dieses Selbstbewusstsein bemüht zur Schau zu stellen. Dazu passt auch, dass
Deutschland in den vergangenen Jahren ganz selbstverständlich die Rolle des
Antreibers europäischer Politik für sich reklamierte. Jedoch erwiesen sich
Merkel und Steinmeier dabei mehr als realistische Pragmatiker denn als
Visionäre; besonders deutlich abzulesen an den zwei zentralen
Herausforderungen, mit denen sich die deutsche EU-Ratspräsidentschaft
konfrontiert sah:
– Unter
deutscher Führung wurde mit dem Vertrag von Lissabon ein Ersatz für die
gescheiterte Verfassung auf den Weg gebracht. Die Lähmung nach den gescheiterten
Verfassungsreferenden konnte überwunden, ein erheblicher Fortschritt in Sachen Parlamentarismus, Demokratie und
Effektivität innerhalb der EU erzielt werden. Die Frage nach der Zukunft der Staatengemeinschaft
beantwortet der Lissabonvertrag jedoch nicht.[11]
Nicht nur finden sich in ihm zahlreiche Ausnahmeregelungen für verschiedene
Staaten, beispielsweise hinsichtlich des Geltungsbereiches der
Grundrechtecharta, die den inneren Zusammenhalt der Union infrage stellen. Auch
besticht der Vertrag statt durch Klarheit und Transparenz durch eine Fülle undurchsichtiger
bürokratischer Details, die nicht geeignet sind, die europäischen Bürger für
Europa zu begeistern.
– Erfolge
wurden auch in der europäischen Klimaschutzpolitik erzielt, die Merkel zu einem
der Hauptziele der deutschen Präsidentschaft ausgerufen hatte. Auf dem
Brüsseler Gipfel vom Frühjahr 2007 einigten sich die Staats- und
Regierungschefs darauf, den Anteil erneuerbarer Energien am Verbrauch bis 2020
auf 20 Prozent zu steigern. Doch was damals noch als „historische Einigung“
gefeiert wurde,[12] fand seine Relativierung in
Zeiten der Finanzkrise: „Der EU-Gipfel wird keine Klimaschutz-Beschlüsse
fassen, die in Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden. Dafür
werde ich sorgen“[13],
ließ Bundeskanzlerin Merkel, nun ganz deutsche Bundeskanzlerin, im Dezember
2008 wissen.
Die Europapolitik der kleinen,
durchsetzbaren Schritte, welche Deutschland unter Merkel und Steinmeier
verfolgt, ist gut, weil nur so in diesem Europa der Zögerer
Integrationsfortschritte möglich sind. Gleichzeitig aber ist sie schlecht, weil
der Verzicht auf Visionen Europa diese Kraft nimmt,
die es bräuchte, um sich künftig innenpolitisch zu legitimieren und
weltpolitisch zu behaupten. Das schwarz-rote Versprechen vom Beginn der
Legislaturperiode, „das europäische Projekt an den Anforderungen unserer Zeit
auszurichten“, ist nur bedingt eingelöst worden:
– Die EU
verheddert sich zunehmend in Details und nationalstaatlichen Hahnenkämpfen,
eine wirksame Strategie für das Europa der Zukunft sucht man vergebens. Selbst
wenn der Lissabonvertrag Gültigkeit erlangen sollte, müsste ein wirklich großer
Wurf, der die EU institutionell für die bevorstehenden Herausforderungen
rüstet, rasch folgen.
– Während es
Deutschland zwischen 2005 und 2008 vermochte, eine europäische Motorrolle
auszufüllen, erodierte dieser Führungsanspruch im Strudel der weltweiten
Wirtschaftskrise. Kritik der europäischen Partner, Deutschland entferne sich
aus dem strategischen Zentrum Europas, brandete frühzeitig auf.[14]
Die Angst um die nationale Wirtschaft treibt alle europäischen Staaten
gleichermaßen um und lässt die Staatengemeinschaft weitgehend führungslos
zurück.
– Schließlich
gelang es Schwarz-Rot gleichfalls nicht, das Vertrauen der Deutschen zu Europa
zurückzugewinnen. Die Kluft zwischen den Regierenden und den Regierten in Europa
ist nicht geschrumpft, sondern eher weiter angewachsen. Die geringe Beteiligung
an der Wahl zum europäischen Parlament 2009 ist hierfür beredtes Beispiel.
[1] Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, Berlin, 11. November 2005, S. 18.
[2] Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, Berlin, 11. November 2005, S. 148.
[3] Korte, Karl-Rudolf (2001): Was kennzeichnet modernes Regieren? Regierungshandeln von Staats- und Regierungschefs im Vergleich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 5/2001, S. 3-13, hier: S. 11.
[4] Vgl. Der Nachlassverwalter, in: Der Spiegel, Nr. 42, 17. Oktober 2005, S. 26f.
[5] Vgl. Infratest dimap, Deutschland-Trend September 2005 II extra und Dezember 2005.
[6] Vgl. Kalte Grüße aus Moskau, in: Frankfurter Rundschau, 27. August 2008.
[7] Vgl.
Steinmeier fordert Deeskalation von Russland und Georgien, in: Associated Press
Worldstream, 31. Juli 2008.
[8] Vgl. EU gründet Ost-Partnerschaft mit früheren Sowjetrepubliken, in: Agence France Presse, 7. Mai 2009.
[9] Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD, Berlin 11. November 2005, S. 18.
[10] Vgl.
Merkel beklagt Dominanz der USA, in: Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 2008.
[11] Vgl. Weidenfeld, Werner (Hrsg.) (2008): Lissabon in der Analyse, Baden-Baden.
[12] Vgl. Pressemitteilung der deutschen Präsidentschaft der Europäischen Union vom 09.03.2007, online: http://www.eu2007.de.
[13] Vgl.
Merkel: Klimaschutz nicht um jeden Preis, in: Die Welt, 9. Dezember 2008.
[14] Vgl.
Zurück zu den Lemmingen, in: Der Spiegel, Nr. 50, 8. Dezember 2008, S. 22-26.


