Das „Anarchistenschwein" live

Concert for Anarchy: Rolltreppe Rückwärts. Rare Liveaufnahmen der Folkrockband Cochise

Cochise, das war der Name eines legendären Häuptlings der Apachen. Er starb 1874 im US-Bundesstaat Arizona. Cochise, so nannte sich auch eine 1979 gegründete anarchistische Folkrock­formation aus Dortmund. Sie war bis zu ihrer Auflösung 1988 - neben und nach Ton Steine Scherben - eine herausragende Band der Alternativ-Bewegung im deutschsprachigen Raum.

Sei es bei Hausbesetzungen, bei Ostermärschen, in Mutlan­gen, in Wackersdorf, bei Aktionen gegen die Frankfurter Startbahn West, am THTR Hamm-Uentrop oder bei der De­monstration von 300.000 Menschen gegen den NATO-Dop­pelbeschluss 1983 in Bonn; da wo die Brennpunkte der Bewegung waren, da war oft auch Cochise, sorgte für gute Stimmung und machte den Sound für den Widerstand. Durch mehr als 1.000 Konzerte erreichte die Combo einen enormen Bekanntheitsgrad, vor allem in den damals noch Neuen Sozialen Bewegungen. Sie verstand sich als Band „aus der Bewegung für die Bewegung". Dabei verband sie sozialrevo­lutionäre Inhalte aus der Ökologie- und Friedensbewegung mit zu jener Zeit populären Folkrock-Stilen. In dem 2006 im Berliner Karin Kramer Verlag erschienenen In­terviewsammelband „ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert" äußert sich Co­chise-Mitbegründer und -Liedermacher Pit Budde rückblickend: „Wir haben uns anfangs an Folk­musikerinnen und -musi­kern wie zum Beispiel Bob Dy­lan orientiert. Das war während des beginnenden Folk-Revivals in Deutschland. Der nächste logische Schritt war es, eigene Texte zu schreiben und nach guten deutschen Texten zu suchen. Wir haben in alten Büchern gewälzt, die es meist nur in der DDR gab, Bücher, in denen Arbeiterlitera­tur, Arbeiterlieder und auch andere ältere linke Lieder abgedruckt waren. Diese politischen eigenen Lieder und vertonten Fremdtexte haben wir mit unseren Konzerten in die Szene gebracht. Wir waren ein Teil des Folk-Revivals genauso wie El­ster Silberflug oder auch Fiedel Michel... Wir waren sozusagen die Linksaußen der Szene. Aus diesem Gedanken ist Cochise entstanden. Cochise hat sich gebildet, als die Kämpfe und auch die Diskussionen härter wurden."

„1,2,3, lasst die Leute frei", „Jetzt oder nie: Anarchie", „Letztn Somma warn wa schwimmn", „Was kann schöner sein auf Erden als Bundes­wehrsoldat zu werden", das wa­ren einige der vielen Cochise-Szenehits, die von Tausenden mitgesungen wurden.  Als eine von wenigen Bands entzog sich die Gruppe der Kom­merzialisierung und veröffentlichte LPs nicht bei EMI und Co., sondern beispielsweise auf dem unabhängigen Kleinlabel Wundertüte. Ohne Medienhype und trotz fehlender Werbung wurden in den 1980ern mehr als 120.000 Cochise-Tonträger an den Mann und an die Frau gebracht. Auf der im Mai 2009 veröffentlichten „Rolltreppe Rückwärts"-CD finden sich 13 bisher unveröffentlichte Livemit­schnitte aus den Jahren 1979 bis 1986, von „Durch die Wüste", „Rolltreppe Abwärts" bis zum „Anarchistenschwein".

Das „Anarchistenschwein" entstand in den 1970er Jahren, zur Zeit der „Terroristenhysterie" in der Bundesrepublik. Damals wurden die Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) in den Massenmedien und auf den allgegenwärtigen Fahndungsplakaten als vermeintliche „Anarchisten" bezeichnet und gejagt. Die Eti­kettierung als „Anarchisten" lehnten die Mitlieder dieser marxistisch-leninistischen Pis­tolero-Gruppe für sich ab. In ihrem „Konzept Stadtguerilla" betonten die RAF-Kader: „Wir sind keine Blanquisten und keine Anarchisten". Ganz im Sinne Lenins betrachteten sie die AnarchistInnen als „kleinbürgerliche Pseudorevolutionäre", die bekämpft werden müssen. 

Der Medienhetze gegen die „Baader Meinhof-Bande" fielen auch Menschen zum Opfer, die mit den „Leninisten mit Knarre" (agit 883 Anfang der 1970er über die RAF) nichts am Hut hatten. So wurde zum Beispiel der Schriftsteller Heinrich Böll aufgrund seiner gegen die „An­ti-Terror"-Hetzkampagne gerichteten Kritik und seines Buchs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von der darin kritisierten Springer-Presse als „Sympathisant" geschmäht und von aufgebrachten Aktivbürgern mit dem Tode bedroht. Peter Brückner verlor aufgrund seiner Zensur ablehnenden Haltung und seiner staatskriti­schen Auseinandersetzung mit dem in der Göttinger AStA-Zeitung veröffentlichten „Mescalero"-Text „Buback - ein Nachruf" seinen Job als Uniprofes­sor. Bald darauf starb er auch an den Folgen der u.a. von den Springer-Medien betriebenen Schmutzkampagne gegen ihn.

Im „Cochise Songbook" beschreibt Songwriter Pit Budde die Entstehungsgeschichte des „Anarchistenschweins": „Ich hatte mich seit meinem Kurzaufenthalt in Paris im Sommer 68, inklusive Leben in der besetzten Uni, zusammengeschlagen von der Polizei, und wiederholten Knastaufenthal­ten, immer mehr mit dem Anarchismus beschäftigt. Ich hab die RAF nie für Anarchisten ge­halten. Trotzdem hatten sie meine Sympathie, als der Staat zum Krieg der 60 Millionen gegen die 60 Revolutionäre aufrief. Zu der Zeit konnte man nicht über Anarchie reden, geschweige denn ein Lied darüber machen. Als Baader, Meins und Raspe zum Frohlocken der gesamten BRD gefangen wurden, hab ich das Anarchistenschwein geschrieben. In dieser Lynchstimmung konnte ich nur bitteren Zynismus loswerden. Ich hab das Lied dann gesungen, und viele Leute haben es nicht verstanden oder fanden es zu pauschal, alle Parteien in einen Topf zu werfen usw. Ich hab die Anarchosau erst Jahre später bei der Gründung von Cochise wieder ausgegraben. Und siehe da, es gefällt mir immer noch, ist immer noch aktuell."

Das Anarchistenschwein

Komm ein jeder starker Mann, der für's Vaterland kämpfen kann. Sogar Frauen seh'n wir gern, Die sich ihrer Häute wehr'n Oma und Opa sind auch dabei, Endlich wieder ‘ne Schießerei.

Wir müssen unser Land befrei'n Vom Anarchistenschwein Packt die Gewehre aus Wir rotten sie alle aus.

Jubel, Trubel und Freibier, Diesen Krieg gewinnen wir Wir waren ja schon deprimiert, Hundert Jahre und kein Sieg Der liebe Gott hat's gut gemeint, Er schickte uns 'nen Feind.

Wir müssen...

Springer, Schmidt und die Genossen Reichen sich jetzt mal die Flossen Genscher, Strauß, die CDU Keiner sieht diesmal nur zu Das ganze Parlament wird vereint Durch den gemeinsamen Feind.

Wir müssen...

Ist einer verdächtig wie von Rauch, Knüpfen wir ihn einfach auf Und auch so ein Heini Böll Böllt bald nur noch in der Höll'

Von MC auf CD - darunter leidet die Qualität

Ein Manko von „Rolltreppe Rückwärts" ist die zum Teil miserable Klangqualität der von Kassette auf CD übertragenen Songs.

Das wird Fans nicht davon abhalten, sich das neue Werk zu holen. Für Leute, die Cochise bisher nur vom Hörensagen kennen, sei aber zunächst empfohlen, sich die u.a. beim alternativen CD- und Schallplattenvertrieb JumpUp (www.jump-up.de) für jeweils 10 Euro erhältlichen Cochise-Klassiker „Rauchzeichen", „Wir werden leben", „Live", „Die Erde war nicht immer so", „Wie die Maus zum Adler wurde" und „Trail's End" zu bestellen.

Mögen sie den Geist der Revolte erneut beflügeln.

Bernd Drücke

CD, Cochise, Rolltreppe Rückwärts Rare & Live 1979-1986, Sireena Records 2009, www.sireena.de, 14.90 Euro

Infos: www.myspace.com/cochiserauchzeichen

Kontakt: info.cochise@gmail.com

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 340, Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, Sommer 2009, www.graswurzel.net