Zur Frage nach der Gestalt des engagierten Intellektuellen
I. Wie steht es heute mit den kritischen Intellektuellen, in der Zeit der Telekratie, des Internet und im historischen Augenblick der großen Krise?
Noch vor wenigen Jahren wurde diese Gestalt für
tot erklärt oder, unter Berufung auf Michel Foucaults Absage an die
»übergreifenden Diskurse« (1999, 17) und »umfassende und globale Theorien« wie
Marxismus und Psychoanalyse (14) mit einer Art Ächtung belegt. Und da sie noch
lebt, kommt im herrschenden Journalismus kein Bericht über eine linke
Versammlung ohne den Hinweis aus, dass die meisten Teilnehmer graue Haare
hatten, womit die Sache, um die es ging, als veraltet stigmatisiert ist. Der
fünfzigste Geburtstag des Argument,
das unter den deutschen Zeitschriften vielleicht das Organ der kritischen
Intellektuellen par excellence ist, gibt Anlass, über deren
Handlungsbedingungen, Aufgaben und Perspektiven neu nachzudenken.
Unauslöschlich vor Augen steht mir eine
Szene, die sich 1981 bei einem Kongress in Mexiko abgespielt hat. Der Redner,
einer der bekannteren französischen maîtrepenseurs,
warf die Arme wie Charles de Gaulle V-förmig nach oben und verkündete in
dominatorisch-appellativer Rhetorik, mit der Gestalt des Orientierung gebenden
Intellektuellen sei es zu Ende. Der Gestus dementierte den Inhalt seiner Rede.
In den 1990er Jahren pfiffen dann auch die kleineren intellektuellen Spatzen
von den Flachdächern der Konzerne, die Zeit der Intellektuellen sei vorbei, ja
sie hätten uns ins Unglück gestürzt mit ihren Utopien. »Die Idee, dass ein
Intellektueller mehr zur Organisation der Gesellschaft zu sagen hat als ein
Blumenhändler, ist gestorben«, verkündete der Leiter des Französischen
Kulturinstituts in Berlin, Bernard Genton, auf der Tagung des P.E.N.-Zentrums
Ost. In diesem Sinn kommentierte auch Sabine Brandt die auf andere Weise
abrechnende Parole, die Intellektuellen hätten bei der Wiedervereinigung
versagt, mit den Worten: »Wer spricht vom Versagen der Briefträger?« In
dieselbe Kerbe hieb Gustav Seibt im Leitartikel der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung mit seiner »Neubestimmung der politischen
Rolle des Intellektuellen«. Und zwar entkleidete er diesen aller Besonderheit:
»Seine Rolle unterscheidet sich in nichts von der anderer Bürger desselben
Staatswesens.« Doch woher wussten die Seibt, Brandt, Genton und tutti
quanti, dass Intellektuelle keinen anderen Bezug
zum Gemeinwesen unterhalten als jeder Blumenhändler oder Briefträger? Und
wussten das auch ihre Blumenhändler und Briefträger? Oder könnte es sein, dass
jeder, der sich auf Fragen der Organisation der Gesellschaft besonders einlässt
und damit auf andere wirkt, eben hierdurch in eine intellektuelle Funktion
eintritt, sei er nun Blumenhändler, Softwarespezialist oder Arzt? So hat
Antonio Gramsci die Frage der Intellektuellen gestellt.
Die Funktion, durch deren Ausübung Individuen
zu Intellektuellen werden, ist eine politisch-kulturelle. Gramsci deutet sie in
dem Satz an: »Eine menschliche Masse ›unterscheidet‹ sich nicht und wird nicht
›per se‹ unabhängig, ohne sich (im weiten Sinn) zu organisieren, und es gibt
keine Organisation ohne Intellektuelle« (Gefängnishefte,
H. 11, §12). Organisation meint hier selbstbewussten Zusammenhalt, der in der
Perspektive eines mehr oder weniger ausgearbeiteten Entwurfs von Gesellschaft
eine Gruppe oder Klasse handlungsfähig macht. An solchen Konzeptionen
mitzuformen und für sie zu werben heißt, in die Auseinandersetzung um
politisch-kulturelle Hegemonie einzugreifen. Hierbei mitzuwirken, macht für
Gramsci die ›organischen Intellektuellen‹ aus, wie das Ringen um Hegemonie zugleich
das Sinnzentrum der Zivilgesellschaft bildet.
Als das Verschwinden der organischen
Intellektuellen im Zeichen des Postkommunismus ausgerufen wurde, wussten die
meisten intellektuellen Mitspieler vermutlich nicht, was sie taten. Der
ungarische Philosoph Ferenc Fehér pries im Eifer des Gefechts Vaclav Hável als
Beispiel eines »unorganischen Intellektuellen«. Jorge Semprun meinte,
organische Intellektuelle seien primär »Parteien und Regierungen eng verbunden«
und als solche überholt. Er irrte doppelt. Die Staats- und Partei-
Intellektuellen verschwinden nicht, und organische Intellektuelle im Sinne
Gramscis sind primär gesellschaftlichen Gruppen verbundene Akteure der
Zivilgesellschaft.
Sie sind keine Experten, die zahlenden
Auftraggebern fachspezifische Einschätzungen in der Art von Gutachten liefern.
Im Gegenteil, sie stören die Expertokratie. Individuen müssen die Grenzen ihres
Berufes, ihrer fachlichen Spezialisierung und zugleich die der Privatheit
überschreiten, um Intellektuelle zu werden. Intellektueller ist nicht bloß ein
weiteres Steinchen im horizontalen Mosaik der Berufe. Es ist weder Beruf noch
formeller Bildungsgrad, auch wenn es oft »hochgradige Kompetenz innerhalb eines
bestimmten, entweder wissenschaftlichen, philosophischen oder künstlerischen
Gebiets« ist, von der aus Intellektuelle, wie Sven-Eric Liedman sagt, »Stellung
zu allgemeinen Fragen von politischer oder allgemein menschlicher Tragweite
nehmen« (Arg. 211/1995, 657). Eine solche Frage von politischer oder allgemein
menschlicher Tragweite ist die Frage nach den Intellektuellen. Und jene
Intellektuellen zweiter Ordnung, die als Orientierungsgeber anderer
Intellektueller auftreten, um eben diese intellektuelle Funktion zu
diskreditieren, reproduzieren den Selbstwiderspruch und Selbstverrat aller
aufgeklärten Gegenaufklärer.
II.
Platon kann der Stammvater des
intellektuellen Antiintellektualismus genannt werden. Den Namen der
Protagonisten der klassischen griechischen Aufklärung, Sophisten,
hat er zum Schimpfwort gemacht. In seiner normativen Staats- und
Gesellschaftslehre verdammt er das über die Grenzen der je eigenen Stellung im
System der Arbeitsteilung aus- und in allgemeine Belange eingreifende Denken
und Handeln unter den Namen polypragmosyne und
allotriopragmosyne (Politeia,
444b) – Schleiermacher übersetzt mit Vieltuerei bzw. Fremdtuerei. Die Viel- und
Fremdtuer verstoßen gegen die herrschaftliche Ordnung, die sich als eine von
Zuständigkeiten (Kompetenzen) und Unzuständigkeiten (Inkompetenzen),
hierarchischen Befugnissen über einer Masse von Unbefugten beschreiben lässt.
Letztlich geht es darum, die Herrschaft den Herrschenden zu überlassen.
Entsprechend ist Gerechtigkeit für Platon keine soziale, vom gleichen Recht
aller Individuen auf Teilhabe an den gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten
ausgehende Zielvorstellung, sondern nur ein anderer Name dafür, dass alle das
ihrer Stellung Zukommende tun und sich in nichts einmischen, was sie nichts
angeht. Auf dem Spiel steht der Vernunftgebrauch.
Emanzipatorische Bewegungen wie die
Achtundsechziger und neuerdings die globalisierungskritische Bewegung
durchbrechen diese Absperrungen. Sie setzen kritisch-intellektuelle Potenzen
frei und machen ernst mit dem Anspruch der Zivilgesellschaft auf
gesellschaftliche Selbstbestimmung. Umgekehrt setzen die Konservativen und
Reaktionäre alles daran, diesen Anspruch zu delegitimieren und die Aus- und
Aufgebrochenen wieder zu zerstreuen und einzuspannen. Die Konversion der
Achtundsechziger bietet ein Beispiel, wie schließlich »mit der Themen- und Verfahrenspolitik
der postmodernen Eingemeindungsstrategie in den
späten 70er und 80er Jahren und ihrer ambivalenten Pflege der Diversity diese
linken Vorstöße ins Private und neue Öffentliche konterkariert werden [konnten
...]. Das war übrigens keine Sache einer neuen politischen Generation, sondern
Resultat einer erfolgreichen Politik korrumpierender Renormalisierung [...],
die gleichsam ständige Aufnahmeprüfung der neuen, bereits uneinholbar zeitgewandten
post-68er Kohorten in die Belohnungskultur einer bundesdeutschen
herrschenden Klasse« (Rilling 2008, 199).
Anlässe zur intellektuellen Überschreitung
nach links, ins soziale Engagement, gab es, während der zynisch resignierte
Leichtsinn der Postmoderne den Zeitgeist prägte, mehr als genug. Doch die progressiven
Intellektuellen, »Unglücksboten«, rückten, wie der Zapatistenführer Marcos
bemerkt hat, ins Visier der »Panzerglastürme der Hegemonie des Geldes« als
Objekte, die, wenn nicht zu kaufen, dann zu zerstören sind.1
Sie sind Unglücksboten, weil sie die konsumistische Euphorie
stören und weil sie denen, die »keine Stimme haben«, den »Gesichtslosen«, a
los sin cara y sin voz, Stimme und Gesicht leihen. Sie betreiben
Auf-Klärung in dem Sinn, den Karel Kosík diesem Wort gegeben hat: Klärung, die
ebenso aufrichtig wie aufrichtend von unten nach oben leuchtet. Verkünden
dagegen Intellektuelle von oben herab das ›höhere‹ Wissen, fördern sie
intellektuelle Subalternität und tragen so zur allgemeinen Subalternität bei.
Ihre Intellektualismen beschaffen der hierarchischen Arbeitsteilung Kredit und
legitimieren damit zugleich die strukturähnliche Beziehung zwischen regierenden
Repräsentanten und Repräsentierten. Demokratische Intellektuelle werden gegen
diesen Subalternitätseffekt unermüdlich anarbeiten. Man erkennt sie daran, dass
sie Fähigkeiten weitergeben, hinter die Kulissen führen und sich selbst
entbehrlich machen (was sie freilich kraft einer unentrinnbaren Dialektik erst
recht unentbehrlich macht).
Vor einigen Jahren, als der kurze Sommer der New
Economy zu Ende ging, gefolgt vom Krach auf Raten,
hat der Chefökonom der Europäischen Zentralbank den epochal übergreifenden
Anlass zur intellektuellen Überschreitung nach links modo
negativo benannt. Er rief nach verstärkten
Anstrengungen zur Legitimation der Globalisierung angesichts wachsenden
Widerstands. Bei diesem Widerstand handelt es sich nach seiner Einsicht um
»einen endogenen, zwangsläufigen Vorgang«. Er entzündet sich an drastisch
wachsender Ungleichheit: »In einem Umfeld großer Gewinne werden die Verlierer –
im relativen wie im absoluten Sinne – die Einbußen um so schmerzlicher empfinden.«
Intellektuelle sind in seiner Vorstellung interessanterweise immer kritisch.
Daher kann er den kapitalistischen Block warnen: »Jetzt bietet sich für viele
Intellektuelle eine neue willkommene Gelegenheit, die Kritik der
Marktwirtschaft auf die sozusagen höhere Ebene der Weltperspektive zu
transponieren.« Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass sein Aufruf zu neuer
ideologischer Anstrengung sich auch an Intellektuelle, eben an solche der
herrschenden Mächte und Interessen, richtet. Diejenigen jedoch, die sich nicht
mit dem Bankkonto, sondern mit Herz und Vernunft zu den gesellschaftlichen
Lebensbedingungen verhalten, sollten sich das nicht zweimal sagen lassen. Denn
das Umfeld großer Gewinne, in dem die Verlierer die Einbußen schmerzlich
empfinden, hat im Moment der Weltfinanzkrise Dimensionen erreicht, die zum
Himmel schreien. Doch der Himmel ist leer. Die Botschaft muss gesellschaftlich
kommuniziert, theoretisch unterbaut und praktisch gewendet werden.
Zuletzt hat der Zusammenbruch des
sowjetischen Demokratisierungsprojekts und damit des europäischen
Staatssozialismus sowie der damit besiegelte Triumph des Neoliberalismus eine
Rekonversion größten Maßstabs veranlasst. In ein und demselben Aufwasch
verschwanden aus der herrschenden Weltsicht nicht nur die kritischen
Intellektuellen und die sozial engagierten Künstler, nicht nur der Geist der
Utopie, sondern, unter sich überstürzender Mittäterschaft der
Mainstream-Intellektuellen, die Aufklärung mitsamt der Französischen
Revolution, den Klassen, den feministischen Befreiungshoffnungen, der Kritik,
dem Widerspruch, der Negation ja schließlich sogar der Wahrheit und der
Wirklichkeit selbst, mit denen sich der Einspruch gegen diesen tollen Kehraus
hätte artikulieren können. Das war die Zeit, in der das Kapital sich von
Spekulationsblase zu Spekulationsblase fiktiv aufblähte, während die
intellektuellen Konjunkturritter die Welt als Schneeballsystem imaginierten.
Damit hat die große Krise Schluss gemacht. Sie hat die Abschaffungen
abgeschafft. Wahrheit und Wirklichkeit haben sich zurückgemeldet. Allenthalben
melden sich die kritisch-intellektuellen Potenzen zurück. »Was Aktienbesitzern
jetzt schwant, dass sie nach Jahren der Akkumulation nichts mehr besitzen, gilt
ebenso für unser Handeln und Denken.« Das schrieb im Oktober 2008, als man sich
nicht mehr verhehlen konnte, dass der große Zusammenbruch da war, Frank
Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ,
dem deutschen Bürgertum ins Stammblatt. Auch gut-bürgerliche Intellektuelle
riefen nun zur »Rettung des intellektuellen Engagements « (Cebrián 2008).
III.
Was intellektuelles Engagement bedeuten
konnte, lässt sich am Beispiel Erich Wulffs studieren. Als Psychiater
überschritt er die Grenzen seines Faches nicht nur ins allgemein
Gesellschaftliche, sondern riskierte – im Unterschied zu einer
linksintellektuellen Gestalt wie Adorno – den Schritt in politische Praxis und
dabei, im Südvietnam des Krieges, auch sein Leben. Zuerst half er den vom
katholischen Diktator verfolgten Buddhisten, dann der Befreiungsfront. Zurück
in der Bundesrepublik kandidierte er, um ein Zeichen zu setzen, auf einer
linken Liste für den Bundestag und trat an die Spitze des Antiimperialistischen
Solidaritätskomitees. In die Politik brachte er den ethnologischen Blick des
Psychiaters, wie er in die Psychiatrie den gesellschaftlich-politischen Sinn
und die transkulturelle Erfahrung einbrachte. Vor dem Russell-Tribunal legte er
Zeugnis ab über den Krieg der USA in
Vietnam. Seine Vietnamesischen Lehrjahre bezogen
die wache Intelligenz Deutschlands in eine prägende éducation
sentimentale et politique ein und trugen dazu bei, es ihr
unmöglich zu machen, die Invasion Vietnams nicht abzulehnen.
Nach dem fluchtartigen Abzug der Amerikaner und dem Zusammenbruch des von ihnen
gestützten Regimes schilderte sein Bericht von einer erneuten Reise
nach Vietnam schonungslos die das ›befreite‹ Land lähmende
Repression seitens der kommunistischen Sieger. Kurz, er scheute auch als
Vorsitzender der Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsgesellschaft nicht den
Bannfluch, von dem er wusste, dass er den treffen würde, der die
staatssozialistische Misere aussprach. Zum Glück durfte er erleben, dass
zumindest in Vietnam aus den Fehlern gelernt wurde und dass ihm in der Folge
nicht nur der vietnamesische Staat, sondern auch die Buddhisten Vietnams ihre
Dankbarkeit erwiesen.
Da eine solche – auf je verschiedene Weise
auch von Sartre und Russell, Anders und Gollwitzer, Bourdieu und John Berger
(um nur diese zu nennen) vorgelebte – Haltung unter neoliberaler Ägide
verleumdet oder unkenntlich gemacht worden ist, aber auch weil sich
Bedingungen, Situation und Perspektiven mit den hochtechnologischen
Produktivkräften von Information und Kommunikation verändert haben, ist es
angezeigt, sie zu überdenken.
Mit dem Intellektuellenbegriff allein, sei es
auch dem funktionalen von Gramsci, ist es dabei nicht getan. Nicht nur weil
Intellektuelle, wie es bei Brecht heißt, gefährlich sind »wie Zigarren, die man
an die Suppe schneidet«, das heißt, weil ihre Beteiligung am Ringen um
Hegemonie die Tendenz entwickelt, dass ihre unvermeidliche Konkurrenz mit
ihresgleichen sich verselbständigt; sondern auch weil alle gesellschaftlichen
Klassen, Gruppen und Bewegungen ihre eigenen Intellektuellen ausbilden und weil
der Macht oder dem Geld zu dienen sich mit Macht und Geld bezahlt macht. Im
Reichssicherheitshauptamt soll es kaum eine Bürotür gegeben haben, an der nicht
ein Doktortitel prangte. Der moderne Staat besteht, wie Georges Sorel bemerkt
hat, aus einem corps von
Intellektuellen, das »mit Sonderrechten ausgestattet ist und die Mittel
besitzt, die man politische nennt, um sich gegen die Angriffe anderer Gruppen
Intellektueller zu verteidigen, die darauf aus sind, sich selbst die Vorteile
öffentlicher Ämter zu verschaffen«. Die Gestalt der nach Ämtern verlangenden
Visitenkartendoktoren nebst der dazugehörigen Haltung ist gewiss nicht im
Verschwinden begriffen, und mit ihr sind wir am Gegenpol zu derjenigen, um die
es hier geht.
Was es immer wieder neu zu bestimmen gilt,
ist die gesellschaftliche Verantwortung der Intellektuellen im magischen
Dreieck von Wissenschaft, Kunst und Politik der sozialen Bewegungen und in der
Spannung von Entwicklungschancen und ökologischer Nachhaltigkeit, kurz, das
intellektuelle Ethos, dessen Preisgabe den ›Verrat der Intellektuellen‹
ausmacht. Ohne einen Begriff vom Kapitalismus und eine Vorstellung
solidarischer Gesellschafts- und Naturverhältnisse ist dieses Ethos nicht zu
füllen.
IV.
Die Intellektuellen verschwinden weder, noch
büßen sie ihre Funktion ein. Was so erscheint, ist ihr Wandel in Funktionen und
Physiognomien sowie die Veränderung ihrer Handlungsbedingungen und Einflussmöglichkeiten.
Was Gramsci nicht kennen konnte, ist die Metamorphose der Hegemoniebildung und
ihrer Akteure im Zeitalter der Telekratie und vollends des Internet. Wie der
Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm eine neue Generation von Stars
hervorgebracht hat, so hat das Fernsehen den telegenen Intellektuellen und die
Talk-Show hervorgebracht. Der vom Katheder verkündende ›Geist‹ ist
marginalisiert, wenn auch nicht ganz verschwunden. Die kritisch-intellektuelle
Überschreitung hat ihr affirmatives Gegenbild in Gestalt der kommerziellen
Überschreitung des Wissenschaftlers gefunden, der mit einem Fuß im Labor und
mit dem andern an der Börse steht. Was ist unter diesen Bedingungen, in denen
die ›Medienintellektuellen‹ die Fernsehschirme bevölkern, während der »neue
Typus des Wirtschafts-Intellektuellen [...] sich im Augenblick hoher Nachfrage
erfreut«, aus den kritisch engagierten Intellektuellen geworden? Frank
Schirrmacher, der diese Nachfrage im FAZ-Feuilleton,
aus dem er im Überschwang der Dotcom-Blase die traditionellen
Geisteswissenschaften hatte vertreiben wollen, zu Protokoll gibt, verblüfft in
der Verwirrung des Moments mit der Behauptung, »der ›poète engagé‹ der
Sartre-Welt [werde] in der Systemkrise zum ›économiste engagé‹« (2008).
Wie ändert sich die Physiognomie des
kritisch-engagierten Intellektuellen angesichts der Wasserscheide, welche die
Eingeborenen der digitalen Welt von den fremd zu dieser Welt hinzugekommenen
Älteren trennt? Für unseren Zweck, zur Klärung des Selbstverständnisses der
Akteure und Adressaten dieser Zeitschrift wie der anderen Druckmedien kritisch-wissenschaftlicher
Öffentlichkeit beizutragen, ist diese Frage grundlegend. Wendet der
intellektuelle Nachwuchs sich von den Druckmedien ab? Wird – in Zeiten von
Blogs, Twitter oder Internet-Plattformen – der traditionelle Typ des
literarischen, an die Schriftkultur gebundene Intellektuelle, den bereits die
Fernseh-Intellektuellen marginalisiert haben, vom neuen Typ des
Internet-Intellektuellen abgelöst, »der nicht auf die Selbstdarstellung und
Nachhaltigkeit der einzelnen Äußerung setzt, sondern auf subversive und freie
Bewegungen von spontanen Gruppen im Netz« (Metz/Seeßlen 2009)? Die durch die
hochtechnologischen Medien und ihrer Infrastruktur, dem Internet, in Gang
gesetzten Veränderungen bedeuten einen tiefen kulturgeschichtlichen Einschnitt.
Aber statt dem vermeintlichen Untergang der Intellektuellen bringen sie neue
Verkörperungen derselben hervor. Die intellektuelle Überschreitung feiert im
Internet vielfach Auferstehung. Zwischen massenhaftem Datenmüll und
kommerzieller Kolonisierung bilden sich immer neue autonome kommunikative
Inseln, wo sich Unerschrockenheit und Witz mit naturwüchsiger Dialektik paaren.
Das Ethos des Vernunftgebrauchs ist dieser digitalen Welt so wenig fremd wie
sein Verrat. Wie sollte es auch anders sein? Auch Internet-Intellektuelle sind
nichts an sich Gutes, und alle alten Charaktermasken tauchen in anderer
Kostümierung wieder auf. Der hin- und herwogende Kampf ist kein in jeder
Hinsicht anderer geworden, er wird nur anders geführt. Wie in jedem Hin- und
Hergewoge wird auch hier die Begriffsfähigkeit auf eine harte Probe gestellt.
Die digitale Welt erleichtert diese Probe auf
eine Weise, die sie zugleich erschwert. Diesseits des digital
divide ist der Möglichkeit
nach jeder Text von jedem Ort aus zugänglich.
Anders als beim Buch entzieht die Entnahme ihn nicht dem Speicher. Während
Buchdruck den Text stofflich seinem Träger einprägt und mit diesem auf Dauer
fusioniert, prägt die Digitalisierung ihn seinem Träger energetisch ein, was
die »unstoffliche Materialität der digitalen Objekte« charakterisiert (Haug
2003, 113). Im Unterschied zum Druck ist jede Speicherung löschbar. Es gibt nur
Kopien von Kopien, und jede kann jederzeit von einer anderen überkopiert
werden. Hier lassen sich die Grenzen von Raum und Zeit überspringen, und der
Mangel scheint aufgehoben. Zugleich erfährt sich alles in die Momentaneität der
vorübergehenden energetischen Speicherung gezogen, die, selbst wenn sie Jahre
dauert und wenn die gespeicherten Texte mit starken Worten nicht sparen, keine
Geschichte und keine starken Unterscheidungskriterien mehr kennt. Wer nach dem
Internet zitiert, muss daher Tag und Stunde des Herunterladens angeben, weil
alles jederzeit geändert worden sein könnte.
Wat skrivt, blivt.
Der alte Spruch gewinnt unter diesen Umständen neue Bedeutung. Die
historisch-kritische Denkfähigkeit kann auf das Medium des Bleibens, das
Druckmedium, nicht verzichten. Wenn Gewaltherrschaft sich vom Inhalt von
Büchern bedroht fühlt, muss sie diese einstampfen oder verbrennen lassen; in
der digitalen Welt lassen sie sich jederzeit unbemerkt austauschen. Freilich
lässt sich der Druck leichter kontrollieren als die Zirkulation kritischer
Botschaften im Internet. Doch dass nach einmal erfolgtem Druck keine Änderung
mehr möglich ist, macht alles wirklicher. Dieses Medium und die kritischen
Intellektuellen brauchen einander als wechselseitige Daseinsbedingungen, wie
auch beide ohne Internetkompetenz nicht mehr auskommen.
Literatur
Cebrián, Juan Luis,
»América vuelve a ser América«, in: El País, 6.11.08, 35
Foucault, Michel, In
Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am College de France (1975- 76) (1997),
Frankfurt/M 1999
Gramsci, Antonio, Gefängnishefte,
Kritische Gesamtausgabe, hgg. v. K.Bochmann, W.F.Haug u. P.Jehle, Hamburg
1991ff
Haug, Wolfgang Fritz, High-Tech-Kapitalismus,
Hamburg 2003
Issing, Otmar, »Globalisierung ist nie
Gemütlichkeit«, in: FAZ, 19.5.01, 15
Kosík, Karel, »Kapitulantentum à la
München?«, in: Freitag, 8.1.1993, Nr.
2, 3
Marcos,
Subcomandante, »Le fascisme libéral«, in: Le Monde diplomatique, 47. Jg., August 2000, 1 u. 14f
Metz, Markus, u. Georg Seeßlen, »Bürger,
Antibürger, Intellektuelle (3) – Plädoyer für die Rettung einer gefährdeten
Position«, Bayrischer Rundfunk, 17. März 2009
Rilling, Rainer, »Es gab viele 68 …«, in: Utopie
kreativ 209, März 2008, 197-201
Schirrmacher, Frank, »Gehen Sie jetzt nach
Hause!«, in: FAZ, 24.11.08, 33
Seibt, Gustav, »Die Ohnmacht der Schriftsteller«, in: FAZ, 7.10.1993, 1



