Sloterdijks Weg vom Zynismus-Kritiker zum Herrschaftszyniker
Der 1947 geborene Peter Sloterdijk erfreut
sich einer Anerkennung, die lebende Vertreter seiner Profession nur selten
erreichen. Als Gastgeber der ZDF-Talkshow Philosophisches
Quartett ist der Professor für Philosophie und
Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe derzeit Deutschlands
bekanntester Fernsehphilosoph. Für sein Buch Weltinnenraum
des Kapitals haben ihn die Financial
Times Deutschland und der Schweizer Referatedienst getAbstract
2005 auf der Frankfurter Buchmesse mit ihrem gemeinsamen Wirtschaftsbuchpreis
in der Kategorie »Zukunft des Kapitalismus« ausgezeichnet. Seine
zeitdiagnostischen Beiträge werden im Feuilleton fast einhellig gefeiert. Wie
kann man sich diesen Aufstieg erklären?
Sloterdijks Durchbruch als Verfasser
philosophischer Bücher kann auf das friedensbewegte Jahr 1983 datiert werden.
Damals bescherte der an Bloch und Adorno geschulte Autor dem Frankfurter
Suhrkamp Verlag mit seinem zweibändigen Buch Kritik der
zynischen Vernunft einen regelrechten Bestseller. Der brillant
formulierte Text stellt ein Thema in den Mittelpunkt, das damals in aller Munde
war: die Angst vor einem die Menschheit vernichtenden Atomkrieg zwischen der
Nato und den Staaten des Warschauer Vertrags. Zu einer Zeit, als die
Friedensbewegung gegen die atomare Nato-Nachrüstung in der BRD
auf die Straße ging, wandte sich Sloterdijk gegen eine
intellektuelle Haltung, die sich unter der Fahne des Realismus mit der
jederzeit möglich scheinenden Menschheitsvernichtung arrangiert zu haben
schien: »Zynismus, als aufgeklärtes falsches Bewusstsein,
ist eine hartgesotten-zwielichtige Klugheit geworden, die den Mut von sich
abgespalten hat, alle Positivitäten a priori für Betrug hält und darauf aus
ist, sich nur irgendwie durchzubringen.« (1983, 950)
Karl Heinz Götze hat die Attraktivität
Sloterdijks u.a. darauf zurückgeführt, »dass er einem Phänomen, das viele
kennen und wenige wahrhaben wollen, seinen Charakter öffentlich auf den Kopf
zusagt« (1983, 823). Gegen den zynischen Fatalismus postulierte Sloterdijk ein
»mutiges Denken«, dass sich von der drohenden nuklearen Katastrophe nicht
einschüchtern lassen dürfe.
Preisgabe praktischen Eingreifens
Schon
damals lassen sich jedoch Ansatzpunkte identifizieren, an denen sich der
Umschlag von der Zynismuskritik zum zynischen Umgang mit Texten und Ideen
andeutet. Einer davon ist ein Anti-Marxismus, der den sowjetischen Gulag nach
dem Muster
der ›Nouveaux Philosophes‹ auf das »marxsche Wissen« zurückzuführen versucht.
Dieses sei trotz mancher emanzipierender Aspekte in seinem Streben nach
»Herrschaft über die Dinge« von vornherein »Herrschaftswissen« gewesen (1983,
185). Hierzu macht Sloterdijk sich Althussers These von einem »Bruch« zwischen
dem frühen (humanistischen) und dem späten (historisch-materialistischen) Marx
zu eigen, re-interpretiert ihn aber als einen zwischen einer
»kynisch-offensiven, humanistischen, emanzipatorischen Reflexion und einer
objektivistischen herrenzynischen
Refl
exion« (187), einer »staatsmännischen« und »großtheoretischen« Seite, die die
»linke«, »revoltische« Seite niederdrücke (190). Diese »Selbstverdinglichung«
wird als eine Art exterminatorische Gewalt geschildert – in seiner Polemik
gegen Stirner und Bakunin gehe Marx z.B. »über Leichen« (189) –, so dass der
Leser nicht mehr verwundert ist, wenn Sloterdijk hier bereits die Moskauer
Schauprozesse mit ihren falschen Geständnissen angelegt sieht (195f). In seinem
Eifer, die Grenzen zwischen Polemik und physischer Vernichtung einzureißen,
schreckt er auch nicht vor der vulgären Psychologisierung zurück, den Bruch bei
Marx unmittelbar mit Althussers psychotischer Persönlichkeitsspaltung zu
assoziieren und für den Mord an seiner Frau Hélène verantwortlich zu machen
(186f), so dass er ihn als einen »Nachtrag zur Psychopathologie des Marxismus«
allgemein deuten kann (197).
Als
einzige philologische Belegstelle für die »zynische Tendenz« bei Marx zitiert
Sloterdijk einen Satz aus einem Brief von Marx an Ruge aus den Deutsch-Französischen
Jahrbüchern: »›... der Kommunismus hat andere
sozialistische Lehren ... nicht zufällig gegen sich entstehen sehen, weil er
selbst nur eine besondre, einseitige Verwirklichung des sozialistischen
Prinzips ist.‹ (MEW 1, S. 344)« (1983,
197). Sloterdijk schlussfolgert, dass ein Wissen, das bewusste Einseitigkeit
als Wahrheit ausgebe, von einem »ungeheuren Willen zur Macht zerfressen« sei
und damit sein eigenes »Pathos der Erkenntnis« dementiere (ebd.). Freilich
beruht dieser Versuch, den ›wirklichen‹ Marx mit Hilfe des nietzscheschen
»Willen zur Macht« zu verstehen, auf einer sinnverkehrenden Zitatmanipulation.
Denn der als »einseitig« bezeichnete Kommunismus ist im Originalzitat der
»Kommunismus, wie ihn Cabet, Dézamy, Weitling etc. lehren«, d.h. eine
»dogmatische Abstraktion«, von der Marx sich gerade abgrenzt, weil er es
ablehnt, »dass wir eine dogmatische Fahne aufpflanzen«. Stattdessen fordert er
die »rücksichtslose Kritik alles Bestehenden«
(MEW 1, 344): »Wir treten dann nicht
der
Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier
kniee nieder! Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue
Prinzipien.« (345) Text und Interpretation stehen also in diametralem
Gegensatz: Die »Einseitigkeit«, mit deren Hilfe Sloterdijk eine philosophische
Gemeinsamkeit mit dem Faschismus zu belegen versucht (1983, 197), wird von Marx
selbst als »Dogmatismus« abgelehnt, und zwar im Namen einer Kritik, die
Sloterdijk soeben noch als »linke, revoltische, vitale, [...]
›kritizistische‹ Seite«, ja sogar als »letztlich ›weiblichen‹ Teil
seiner Intelligenz« gerühmt hat (190).
Der
Umschlag vom Zynismuskritiker zum »aufgeklärten« Herrschaftszynismus ist jedoch
v.a. in der Theorieanordnung selbst angelegt. Im Namen eines Glücks hier und
jetzt wird vorgeschlagen, »die kritische Sucht des Besserns auf[zu]lösen dem Guten
zuliebe« (1983, 27). Angesichts der Bombe helfe nur noch »Entspannung«, die
»Kultur des Nachgebens, des Nichtwiderstehens« (260). Was den Beifall der FAZ
hervorruft, ist schon damals, dass er durch den Vorschlag des
Nicht-Widerstehens der Kritik die Möglichkeit verwehrt, praktisch zu werden.
»Der Faden wird so geführt, dass er die Kräfte der Gesellschaftsveränderung
fesselt«, resümiert Götze (1983, 827). Aber eine Kritik, der die Möglichkeit
des praktischen Eingreifens prinzipiell abgesprochen wird, muss in zynischer
Aufklärung erstarren. Sie muss, um in Sloterdijks Sprache zu sprechen, »den Mut
von sich abspalten« (1983, 950). Zwar zitiert er zu diesem Zeitpunkt noch die
Autoren der Kritischen Theorie herbei, doch mit dem Effekt, ihnen den
widerständigen Stachel zu ziehen. Den Sozialismus des Ostblocks sieht er als
»Haupthemmung [...], die einem Übergang
des Kapitalismus in ihn im Wege steht«, und zugleich habe der Westen, den
Staatssozialismus vor Augen, »seine Zukunftsideen defensiv formulieren« müssen:
»nämlich, keinesfalls diesen Sozialismus zu
wollen« (453f).
Eine
solche Einschätzung war auch bei vielen Linken weit verbreitet. Aber als der
Staatssozialismus zusammenbrach, war bei Sloterdijk von einem alternativen Weg
zum Sozialismus keine Rede mehr. Am Beispiel seines Weltinnenraums
des Kapitals (2005) können wir exemplarisch beobachten,
wie er seine Philosophie der Globalisierung systematisch gegen eine Kritik des
Kapitalismus abschottet und keine Mühe scheut, jede denkbare
systemüberschreitende Alternative der Lächerlichkeit preiszugeben.
Kapitalistischer
»Weltinnenraum« als Ende der Geschichte
Der
Vorwurf klingt zunächst absurd. Wurde das Buch nicht gerade als Beitrag zur
Zukunft des Kapitalismus »jenseits einer gewissenlosen Profitmaximierung« und
für das »Entdecken neuer Handlungsoptionen« ausgezeichnet?2
Liegt Sloterdijks Stärke nicht auch hier in der wachen
Gegenwartsbezogenheit, mit der er die Philosophie aus dem Elfenbeinturm des
Idealismus herausführt und als »Theorie der Gegenwart« und interdisziplinäre
»Lagebesprechung« rekonstituiert? (2005, 11) Der gegenwartskritische Leser wird
Sloterdijk sicherlich zustimmen, wenn er die selbstverschuldete Harmlosigkeit
der akademischen Philosophie mit der von Hegel formulierten Aufgabe
konfrontiert, ihre Zeit in Gedanken zu fassen (87f, 115f). Und er wird
feststellen, dass Sloterdijks Darstellung keineswegs »unkritisch« ist,
jedenfalls nicht im Sinne einer harmonisierenden, den Raubbau und die sozialen
Exklusionen ausklammernden Apologie. So werden z.B. die kolonialistischen
Brutalitäten der »terrestrischen Globalisierung «, die Sloterdijk für den
Zeitraum von 1492 bis 1945 ansetzt, keinesfalls verschwiegen, sondern mitsamt
des ihnen zugrunde liegenden Profittriebs offengelegt. Man wird sich wohl auch
kaum dem Vergnügen verschließen können, wenn Sloterdijk die USA
als »das Land des real existierenden Eskapismus« beschreibt, das
durch die strikte Unterordnung der Affekte unter das Hochgefühl den »Habitus
der erzwungenen kollektiven emotionalen Bilanzfälschung« hervorgebracht hat
(368). Auch die »elektronische Globalisierung«, die er spätestens mit der
Installierung einer elektronischen Atmosphäre und eines Satellitenenvironments
im Erd-Orbit in den 1960er und 70er Jahren beginnen lässt, erscheint keineswegs
in einem rosigen Licht.
Greifen
wir zur Verdeutlichung der Anziehungskraft einige Passagen zur Kennzeichnung
des kapitalistischen »Weltinnenraums« heraus. Statt den harmlosen, globale
Inklusivität vortäuschenden Begriff des »Weltmarkts« zu verwenden, greift
Sloterdijk auf Dostojewskis Schilderungen des »Kristallpalasts« (des
Großgehäuses der Londoner Weltausstellung von 1851) zurück und beschreibt ihn
als »menschenverzehrende Struktur«, in der die Menschen dem Kult des Geldes
huldigen und das »Menschsein zu einer Frage der Kaufkraft« wird (26). Über die
sozialen Ausschließungsmechanismen dieses kapitalistischen »Weltinnenraums«
braucht man ihn nicht aufzuklären. Die Exklusivität ist »dem Projekt
Kristallpalast als solchem inhärent«, es ist seinem Wesen nach ein »komfort
animierter artifi zieller Kontinent im Weltmeer der Armut« (306), man könne
sagen, »dass das Konzept der apartheid,
nach seiner Aufhebung in Südafrika, kapitalismusweit generalisiert wurde«
(303), wobei die wirksamsten Ausschlüsse nicht mehr solche nationalstaatlicher
Grenzen sind, sondern »Wände aus Zugriffen auf Geldvermögen, die Habende und
Nichthabende trennen, Mauern, die durch die äußerst asymmetrische Verteilung
von Lebenschancen und Beschäftigungsoptionen hochgezogen werden« (303). Der
kapitalistische Weltinnenraum umfasse »demographisch kaum ein Drittel der
aktuellen Demnächst-Sieben-Milliarden-Menschheit und geographisch kaum ein
Zehntel der Festlandflächen« (305), so dass die real existierende globalisierte
Welt als »dynamische Installation« zu begreifen ist, »die der
Menschheitsfraktion der Kaufkraftbesitzer als ›Lebenswelt‹-Hülle dient« (306).
Vor
dem Hintergrund neoliberaler Heilsversprechen für alle wird der Leser geneigt
sein, solche Schilderungen als ideologiekritischen Klartext zu lesen.
Sloterdijk tritt als Anti-Illusionist par excellence auf. Zu erwarten, diese
treibhausartige »Komfort-Installation« solle und könnte die ganze »Menschheit«
beglücken, scheitere an der »systemischen Unmöglichkeit, eine Einbeziehung
aller Mitglieder der Menschengattung in ein homogenes Wohlfahrtssystem zu den
heutigen technischen, energiepolitischen und ökologischen Bedingungen materialiter
zu organisieren« (303f). Schon im nächsten Satz wird das Argument
gegen einen humanistischen Menschenrechtsdiskurs in Anschlag gebracht: »Die
semantische und kostenlose Konstruktion der Menschheit als Kollektiv der Träger
von Menschenrechten ist aus unübersteigbaren strukturellen Gründen nicht
überführbar in die operative und teure Konstruktion der Menschheit als
Kollektiv der Inhaber von Kaufkraft und Komfortchancen.« (304) Hier stößt der
Kritiker Sloterdijk auf seinen Konkurrenten, nämlich auf eine (in
Anführungszeichen gesetzte) »globalisierte ›Kritik‹«, die zwar die Maßstäbe zur
Verurteilung von Elend, nicht aber die Mittel zu seiner Überwindung exportiere
(ebd.). Die Perspektive einer »organischen Allianz zwischen den äußeren und den
inneren Oppositionellen«, die er aus Negri/Hardts Empire
herausliest, bezeichnet er als »Chimäre« (301).
Der
Leser, der sich in Sloterdijks rücksichtsloser Erzählung ein Stück weit
wiedergefunden hatte, wird hier vielleicht stutzen. Die Wucht der Polemik ist
unversehens vor den Füßen der Gegner des Neoliberalismus gelandet, deren sog.
»Kritik« pauschal als wohlfeiler (»kostenlos«) Moralismus oder Illusion
bloßgestellt ist. Er reibt sich die Augen. Hat Sloterdijk die globalisierte
Apartheid gerade kritisiert oder vielmehr gegen Kritik immunisiert? Nur bei
aufmerksamem Nachlesen wird er auf eine Reihe von Signifikanten der Unveränderlichkeit
stoßen, die den Umschlag des kritischen Gestus ins apologetische Gegenteil
markieren: Die Ausdrücke »systemische Unmöglichkeit« und »unübersteigbare
strukturelle Gründe« sind autoritative Verbotsworte, die von vorneherein und
ohne Begründung die Möglichkeit ausschließen sollen, sich das angesprochene
»System« als kapitalistische Formbestimmtheit und Machtverhältnis vorzustellen.
Dies wird durch eine weitere Bestimmung undenkbar gemacht, die sie mit den
»heutigen technischen, energiepolitischen und ökologischen Bedingungen«
verknüpft. Aber warum soll die Überwindung der globalen Apartheid aus
»technischen« Gründen unmöglich sein, wo es doch mittlerweile möglich wäre, die
ganze Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren? Und ist es nicht die unheilvolle
Verbindung von profitgetriebener Umweltzerstörung und globaler Slum-Bildung,
die die ökologische und
energiepolitische Katastrophe
vorantreibt, weshalb gerade auch diese Bedingungen eine Überwindung des
globalisierten Kapitalismus notwendig machen würden? Der kategorische
Ausschluss solcher Fragen lässt den Verdacht aufkommen, dass Sloterdijk die
kapitalistische Apartheid nicht einfach diagnostiziert, sondern im Medium der
Diagnose rechtfertigt und verordnet.
Die
Passagen zeigen exemplarisch, wie Sloterdijk es bewerkstelligt, den
globalisierten Kapitalismus, den er im Gestus radikaler Illusionslosigkeit
vorstellt, zugleich zu einer Schicksalsmacht zu erhöhen, die gegen jede
theoretische und praktische Kritik abgesichert ist. Wie er selbst erklärt, ist
die philosophische »Lagebesprechung«, die er zunächst als Ausstieg aus dem
philosophischen Elfenbeinturm eingeführt hat, »an die Stelle der Kritik
getreten« (218). Dies hängt mit seiner Entscheidung zusammen, den
kapitalistischen »Kristallpalast« als Endzeit zu bestimmen. Tatsächlich hat er
sich Fukuyamas triumphalistischer Ideologie eines »Endes der Geschichte«
angeschlossen: Nur die »terrestrische Globalisierung« verdiene es, in einem
philosophisch relevanten Sinn »Geschichte« oder »Weltgeschichte« genannt zu werden,
denn nur hier vollziehe sich die Geburt des Weltsystems, das Drama der
Erschließung der Erde, und zwar im Modus erfolgreicher
kolonial-imperialistischer »Einseitigkeit« (28, 246ff). Mit der elektronischen
Globalisierung seien wir in die »Nachspielzeit« der Posthistoire
eingetreten. Die geschichtemachende Potenz der europäischen
Expansionsträger sei erloschen (258), an die Stelle der einseitigen
Erstschläge, Ausfahrten, Übergriffe seien die »Rückkoppelungen« und
»Nebenwirkungen« getreten: jetzt gebe es nur noch Weltnahme als
»Selbstzurücknahme«, ein Netzwerk wechselseitiger Hemmungen, die jede
einseitige Aggression ausschließe (23f, 258, 296).
Geschichte werde zum Schnee von gestern (259), weil das Weltsystem
sich nun als »Komplex von rotierenden und oszillierenden Bewegungen«
stabilisiere,
»die
sich aus eigenem Schwung erhalten« (217). Wer von Globalisierung spreche, könne
daher »ebensogut vom ›Schicksal‹ reden« (218), und diesem könnten sich die
Globalisierungskritiker ebenso wenig entziehen wie die Gegner der Erdrotation
sich dagegen wehren könnten, »den täglichen Umlauf des Bodens unter ihren Füßen
mitzumachen« (219).
Auch
wenn Sloterdijk sich zuweilen von einem »einseitigen« Neoliberalismus
abzusetzen versucht (284ff): Das von ihm verkündete Prinzip »There is no
alternative« gehört zum banalsten Repertoire neoliberaler
Herrschaftslegitimation. Die Schlaumeierei seiner »nach-geschichtlichen«
Konstruktion ist nur möglich, weil er verdrängt hat, dass die einseitige
»Welteroberung« im Stadium des globalisierten High-Tech-Kapitalismus keineswegs
aufhörte, sondern sich vielmehr beschleunigte und intensivierte – z.B. als
transnationale Durchdringung des Produzierens und Konsumierens, In-Wert-Setzung
bislang nicht-kommodifizierter Bereiche, biokapitalistische Eroberung und
Patentierung von pflanzlichen, tierischen und menschlichen DNS-Strukturen.
Den Begriff der Geschichte auf einen spezifisch europäischen Modus
kolonialistischer Eroberung festzulegen ist eine willkürlich Entscheidung. Das
»Ende der Geschichte« soll vor allem der geschichtlichen Dialektik ein Ende
bereiten. Konstruiert wird ein homogener »Innenraum«, aus dem jede
Widerspruchsanalyse verbannt ist. Die Einwohner des »horizontalen Babylons«
werden als gelangweilte, »mehrdimensional entlastete« und verwöhnte
Nur-Konsumenten geschildert4, als gäbe es
in den kapitalistischen Zentren keine Produktions- und
Reproduktionsverhältnisse, keine Überarbeitung einerseits und
Massenarbeitslosigkeit andererseits, keine Klassen- und Geschlechterkämpfe. Die
Ahnungslosigkeit dieser Endzeit-Philosophie zeigt sich nicht zuletzt daran,
dass die ökonomische Krise des Kapitalismus nicht einmal als Möglichkeit in
Betracht kommt, geschweige denn als systemisch verankerte Irrationalität
profitgetriebener Überakkumulation und gesellschaftlicher
Nicht-Regulierbarkeit.
Parasitäre
Arme und neues Proletariat der Tiere
Aus
der ideologischen Anstrengung zur Naturalisierung und Homogenisierung des
kapitalistischen Raums lässt sich auch die Obsession erklären, mit der
Sloterdijk jegliche theoretische oder praktische Kapitalismuskritik mit Häme
übergießt. So zeuge z.B. Benjamins Interpretation der Pariser
Passagen vom »rachsüchtigen Glück des Melancholikers,
der ein Archiv von Belegen für die Missratenheit der Welt zusammenträgt« (274).
Komplementär zur Denunziation lässt er keine Gelegenheit aus, die Denunzierten
diskursiv auszuweiden und die rhetorischen Versatzstücke – zur Karikatur
entstellt – seiner Kristallpalast-Konstruktion einzuverleiben. So habe im
kapitalistischen Weltinnenraum das Reich der Notwendigkeit dem »Reich der
Freiheit Platz gemacht«, und es seien konservative »Partisanen der
Notwendigkeit«, die gegen das »nach-nezessitäre« Freiheitsreich Sturm liefen
(331f). Wenn Marx das herrschende Bürgertum als verschwenderische Klasse
brandmarkte, verfehlte er nicht nur die Figur des working
rich, sondern v.a. das neuartige Phänomen, »dass im modernen
Wohlfahrts- und Umverteilungsstaat die Unproduktivität von der Spitze der
Gesellschaft an die Basis umspringt«, nämlich auf die »parasitären Armen«
(358f). Wir können hier exemplarisch beobachten, wie Sloterdijk
herrschaftskritische Diskurselemente parasitär aufsaugt und in
nietzscheanischer Schärfe gegen die Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen
zurückwendet. Der »kategorische Imperativ« des jungen Marx, alle Verhältnisse
umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, verlassenes,
verächtliches Wesen ist (MEW 1, 385), wird zum
Imperativ eines elitären Klassismus, die Erniedrigten und Verlassenen zu denunzieren,
um die Ausbeutungs- und Ausschließungsverhältnisse aufrechterhalten zu können.
Sloterdijk
plädiert für eine »postliberale« Synthese aus technischem Avantgardismus und
ökokonservativer Mäßigung und gibt sich in diesem Sinne als Befürworter von
»schwarz-grün« zu erkennen (262). Auch im Bezug auf die Ökologiebewegung stellt
er sich v.a. die Aufgabe, kapitalismuskritische Impulse aufzuspüren und im
Ansatz un-denkbar zu machen. Zu diesem Zweck muss er das Kunststück
vollbringen, die rücksichtslose Naturausbeutung des Kapitalismus auf die Kapitalismuskritik
zurückzuführen. Mithilfe von Gehlens Begriff der »Entlastung« will er zeigen,
dass die Befreiung der Vielen von Ausbeutung nur möglich ist durch eine
»Ausbeutungsverschiebung auf ein neues Unten«, nämlich die »großtechnisch in
Regie genommene Ressourcen-Erde« (349f): Die Ausbeutung sei nunmehr auf das
»neue Proletariat« der Nutztiere der industrialisierten Landwirtschaft
übergegangen, deren Massenschlachtung die »Holocausten der Nationalsozialisten,
der Bolschewiken und der Maoisten« weit in den Schatten stelle (360f).
Die
Sprache überdreht sich bis zum inflationierten Holocaust-Vergleich, als wollte sie
jeden Zweifel niederschreien. Es geht darum, den Lesern den »unzertrennbaren Zusammenhang
zwischen Menschenrechten und Tierqualen« einzuhämmern (361). Aber warum sollen
gerade die Menschenrechte – nehmen wir z.B. die weltweit unerfüllten sozialen
Rechte der UN-Charta auf Arbeit,
Freizeit, Wohnung, Schulausbildung – mit Natur- und Tierschutz prinzipiell im
Gegensatz stehen? Muss man Sloterdijk wirklich daran erinnern, dass die
berüchtigten, von Max Weber, Bertolt Brecht und Upton Sinclair geschilderten
Riesenschlachthöfe Chicagos zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht aus linker
Ausbeutungskritik hervorgingen, sondern mit ihren Fließbändern an der Decke die
assembly lines des us-amerikanischen
Fordismus antizipierten? (Vgl. z.B. Rifkin 1994, 80ff; Rehmann 1998, 24ff) Der
historische Nexus zwischen Kapitalisierung der Landwirtschaft,
Massentierhaltung und verschärfter Bauern- und Landarbeiterausbeutung ist
ebenso verschwunden wie die erfolgreichen Bemühungen des Agrobusiness und der
großen Lebensmittelketten, über zahllose Werbekampagnen einen verallgemeinerten
Fast-Food-Habitus ›kulturindustriell‹ herzustellen. Die Erzählung ist so
organisiert, dass die verschiedenen Bereiche und sozialen Bewegungen, die im
Interesse eines ökologischen Umbaus dringend zusammengeführt werden müssten, in
einem heillosen Gegensatz festgehalten werden.
Rechtsnietzscheanische
Aktualisierungen
Das
Weltinnenraum-Buch endet mit dem Versuch, die soziale Apartheid des globalen
Kapitalismus mit dem Nachweis einer anthropologischen Verankerung der
Ungleichheit abzustützen. Das Verfahren ähnelt dem des späten Nietzsche, dessen
»Wille zur Macht« – konzipiert als ein »Überwältigen, Herrwerden« über weniger
Mächtiges, ein Unterdrücken, Vergewaltigen und Ausbeuten7
– die Funktion hat, eine aristokratisch gefasste Herrschaftsmacht
ins »Wesen des Lebens« überhaupt zu verlegen. Sloterdijk artikuliert diese
Naturalisierung in neuer Sprache. Der »irdischen Linken« erteilt er eine
Lektion über die »Spannkraft der Asymmetrie, die das Leben ist« (408). Ist
nicht schon die Fortpflanzung ein asymmetrischer Vorgang (das Einwohnen des
Babys im Uterus als einseitige Invasion) und die Kindererziehung von einer
»Übermittlungsasymmetrie « gekennzeichnet? (408f) Sloterdijk vermeidet es,
diese »Asymmetrien« in den übergreifenden Kooperationszusammenhang eines
Generationenvertrags zu stellen, in dem die erwachsenen Kinder durch die Unterstützung
ihrer alten Eltern – sei es direkt oder über den Wohlfahrtsstaat – die
»Einseitigkeiten« wieder ausgleichen können. Die schwierige Frage, wie man in
den Beziehungen zwischen Geschlechtern und Generationen eine tragfähige
Reziprozitätsethik entwickeln kann, ist nicht die seine. Zu lernen sei
vielmehr, dass ein »erfolgreich geführtes Leben« nicht möglich ist, »ohne
immun, selbstpräferentiell, exklusiv, selektiv, asymmetrisch [...]
zu sein« (413).
Wir
können hier einen wichtigen Unterschied zum »Linksnietzscheanismus« beobachten,
wie er z.B. von Deleuze, Foucault oder Vattimo entwickelt wurde. Dort wurde
Nietzsches radikaler Aristokratismus mithilfe einer postmodernen »Hermeneutik
der Unschuld« ausgeklammert. Stattdessen konzentrierte man sich auf die
metaphysik- und ideologiekritischen Aspekte seiner Philosophie, auf die (von
ihm vereinnahmten) spinozischen Elemente der Lebensbejahung sowie die
Dekonstruktionen von Geschichte und Subjekt. Dagegen
macht Sloterdijk sich über Nietzsches elitäre Herrschaftsorientierung keine
Illusionen, sondern übernimmt sie kritiklos und affirmierend, wenn auch nicht
ohne Anstrengungen zur Verschleierung. Man kann deshalb von einer
rechtsnietzscheanischen Rezeption und Aktualisierung sprechen.
An
zwei Beispielen ist nun zu beobachten, wie Sloterdijk seinen
neo-nietzscheanischen Ansatz in Zorn und Zeit ausbaut,
nämlich zum einen an seinem Konzept einer »Thymotisierung des Kapitalismus«
(2006, 59), zum anderen in seiner Neuauflage der nietzscheschen
Ressentimentkritik. Das Kunstwort »Thymotisierung« leitet er vom griechischen
Wort »thymós« ab, das das »Organ« der großen Aufwallungen und den »Regungsherd
des stolzen Selbst« bezeichnet (24). Als Prototyp behandelt er den »glücklichen
Bellizismus« der Ilias und hier v.a. den »Zorn des Achilles« – eine heroische
Kombination aus Stolz und Gewalt, die dem entspräche, was Nietzsche als
»apollinisch« bezeichnete (12). Wie dieser verortet auch Sloterdijk die
authentischmännlichen Herrentugenden in der vor-klassischen Antike und verfolgt
von diesem aristokratischen Ursprungsmythos aus, wie sie in der athenischen
Demokratie und v.a. durch die jüdisch-christliche Tradition zurückgedrängt,
domestiziert bzw. ins Ressentiment abgedrängt werden. Der stolze Zorn selbst,
vor seiner Umwandlung ins Rachegefühl, wird mit allen Insignien des
Vital-Gesunden ausgezeichnet: Er sei v.a. ein Energieüberschuss, der nach
konzentrierter Verausgabung strebe, und habe wegen solcher »Energieübertragung«
einen »gebenden«, »generösen« Zug, der dem des Spenders ähnele (90). Fasziniert
von solcher Freigebigkeit ist Sloterdijk offenbar der Auffassung, dass es nicht
darauf ankäme, zwischen dem Verteilen von Gaben und von Schlägen zu
unterscheiden. Unter Berufung auf Nietzsche will er auch die abgeschwächte
moderne Spätfrucht des antiken thymos,
den »Egoismus« rehabilitieren, der »in Wahrheit oft nur das Inkognito der
besten menschlichen Möglichkeiten« darstelle (31).
Es
ist klar, dass wir uns mit dieser Anthropologie auf der Gewinnerseite der
Gesellschaft befinden. An die Eliten ergeht denn auch Sloterdijks Aufforderung,
die kapitalistische Wirtschaft »thymotisch« zu reformieren. Die Frage lautet,
wie die »Einführung des Stolzes in die kapitalistische Wirtschaft zu denken
[wäre]« und wie ein »postaristokratische[r] Weg
zur souveränen Verwendung des Reichtums« aussehen könnte (50f). Hierzu greift
er auf Georges Bataille zurück, der in Nietzsches Schriften die Umrisse einer
»Ökonomie des Stolzes« entziffert habe: In ihr setzten die Investoren ihre
Mittel nicht zu Profi tzwecken ein, sondern »um ihren Stolz zu befriedigen und
ihr Glück zu bezeugen«, und damit brächten sie »ihr Dasein selbst dem Glanze
näher« (54f). Bataille hatte die Bedeutung der »freiwilligen Gabe« aus seiner
Interpretation des Potlatsch gewonnen und die moderne Bourgeoisie dafür
kritisiert, dass sie sich ihrer »Verpflichtung zur funktionellen Verausgabung«
verweigerte. Sloterdijk sieht die Bedeutung dieser Anregungen darin, »den
Kapitalismus zu spalten, um den radikalsten Gegensatz zu ihm – und den einzig
fruchtbaren – aus ihm selbst zu schaffen, ganz anders, als die klassische, vom
Miserabilismus überwältigte Linke es sich träumen ließ« (55).
Warum
die Spendentätigkeit der Reichen den Kapitalismus »spalten« soll, bleibt
freilich ein Rätsel. Statt eine Alternative zur Profitakkumulation
darzustellen, hat sie diese zur Voraussetzung: ohne Microsoft
keine Bill & Melinda Gates Foundation.
Indem Sloterdijk den »thymotischen Gebrauch des Reichtums« v.a. im Spendenwesen
der USA verortet (61), gibt er selbst zu erkennen,
dass es ihm nicht um eine »transkapitalistische Ökonomie« (52), sondern um eine
Privatisierung der Wohlfahrt nach us-amerikanischem Vorbild geht. Darüber, dass
der Ausbau des us-amerikanischen Stiftungs- und Spendenwesens mit einer
Schwächung wohlfahrtsstaatlicher Umverteilung verbunden war, schweigt er sich
aus. Aber was hat dies mit der geforderten »thymotischen« Einführung des
Stolzes und der Ehre zu tun? Die ideologische Wirksamkeit des Stiftungs- und
Wohltätigkeitssystems der USA gibt uns einen
Hinweis. Tatsächlich lässt es sich hinsichtlich der von ihm erzeugten
Abhängigkeitsverhältnisse mit dem Patronatswesen des antiken Roms vergleichen,
bei dem der Patron durch seine »freien Gaben« bei den abhängigen Klienten die
Verpflichtung zu Huldigung und Dankbarkeit hervorbringt. Obwohl das Patronat
auf der Mehrprodukt-Aneignung der herrschenden Klasse basiert, errichtet es
eine imaginäre Gegenordnung des Gebens von oben nach unten. Was bei den
Subalternen die ideologische Unterstellung bewirkt, versammelt sich bei den
Vornehmen als »Stolz« und »Ehre«.
Sloterdijk,
der Nietzsche als den »anregendsten neo-thymotischen Psychologen der Moderne«
betrachtet (46), benutzt ihn nicht nur als Ratgeber für die »Kunst der
psychopolitischen Steuerung von Gemeinwesen« (36), sondern lässt sich von ihm
auch die Parameter für die Ressentiment-Geschichte der Subalternen vorgeben.
Während der Zorn sich auf der Gewinnerseite »freigebig« verausgaben durfte,
wird er auf der Verliererseite beflissen angesammelt, aufgespart, akkumuliert
und in utopischen Projekten sozialer Gerechtigkeit verausgabt. Das Buch ist
über weite Strecken nicht mehr als eine Nacherzählung des großen nietzscheschen
Ressentimentbogens vom »Zornprophetismus des Judentums« über die christliche
»Zorntheologie« zur Französischen Revolution und ihren anarchistischen und
sozialistischen Radikalisierungen. Die einzige Modifikation besteht in einer
gewissen Entspannung gegenüber dem neuzeitlichen Christentum, das Nietzsche als
Gegner überschätzt hätte. Ansonsten besteht
Sloterdijks Zutat v.a. darin, die nietzschesche Entlarvung des Ressentiments im
Hinblick auf den Sozialismus und Kommunismus des 20. Jahrhunderts
weiterzuschreiben und auf den islamischen Terrorismus anzuwenden.
Hinzu
kommt eine polit-ökonomische Sprachmodernisierung, die mit verballhornten
Versatzstücken aus marxistischer Kritik angereichert ist: Im Alten Testament
und insbesondere in der jüdischen Apokalypse komme es zu einer »ursprünglichen
Akkumulation« des Zorns zum »Dauerressentiment« (127f), mit der
Christianisierung des Gotteszorns werde eine »transzendente Bank zur
Deponierung [...] zurückgestellter
Racheprojekte« errichtet (154). Während die Rache eine »Projektform« des Zorns
darstelle, fungiere die Revolution als ihre »Bankform«, in der sich der
Übergang von der »Schatzform« in die »Kapitalform« vollziehe: Anders als bei
der anarchistischen Verschleuderung rächerischer Energien würden die
akkumulierten Zornwerte in Utopien, Revolutionspläne oder »konstruktive
Politik« investiert (110, 211f). Mit der Kommunistischen
Internationale entstehe die erste »Weltbank des Zorns«
(221ff), die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht wiederbesetzt werden
konnte (315). Es bleibe ein allgemeines »misanthropisches Plasma«, ein »Ekel am
Sozialen«, der sich im Vandalismus der Pariser Banlieue Unruhen ablesen ließe
und auch vom islamischen Terrorismus allenfalls in »Regionalbanken« aufgefangen
werden könnte (328, 351). Im globalisierten Kapitalismus sei »keine Politik des
Leidensausgleichs im Großen mehr möglich, die auf dem Nachtragen von
vergangenem Unrecht aufbaut«, weshalb es jetzt darauf ankäme, die »Allianz von
Intelligenz und Ressentiment zu delegitimieren« (354). Das Buch endet mit der
Perspektive, die Tradition eines frühliberalen Besitzindividualismus vor der
Französischen Revolution (Lockes »Grundrechte« auf Leben, Freiheit und
Eigentum) mit Nietzsches »hygienischem« Programm einer Befreiung vom
Ressentiment zu verbinden (ebd.). »Intendiert ist eine Meritokratie, die [...]
eine antiautoritär entspannte Moral zum Ausgleich bringt mit
ausgeprägtem Normbewusstsein.« (355)
Es
ist ein zynischer Blick, der hier von oben auf die Bewegungen und
Organisationen der Beherrschten geworfen wird. Schon Nietzsche hatte seinen
Ressentimentbegriff so angelegt, dass er sich auf die verschiedensten Haltungen
widerständiger oder ausharrender Handlungsfähigkeit von unten überhaupt
ausdehnte. Nach dieser Vorlage führt auch Sloterdijk jedes Aufbegehren von
unten, jede Hoffnung auf Erlösung, jeden Traum vom besseren Leben auf die
Sublimierung von Hass und Rache zurück. Wenn er den Zornigen, der sich
vorläufig zurückhält, für den ersten hält, »der weiß was es bedeutet, etwas
vorzuhaben« (97), hat er die menschliche Antizipations- und Projektfähigkeit
selbst ins zurückgestaute Ressentiment aufgelöst. Ein Engagement aus
Lebensbejahung und Liebe ist für ihn von vorneherein undenkbar. Sobald er bei
Engels, bei Rosa Luxemburg und anderen Revolutionären auf Haltungen einer
»militanten Heiterkeit« stößt, muss er sie sofort zum bloßen Zorn-Mittel
degradieren: Wenn die Heiterkeit ein Bündnis mit dem Aufruhr schließt, dann »um
diesem sein Geschäft zu erleichtern« (175). Marx hatte wiederum eine »von Hass
und Ressentiment geprägte Persönlichkeitsstruktur« und »Zorn genug, dass es für
alle, die in seine Spuren treten wollten, reichen sollte« (205f). Nachdem
Sloterdijk den Gerechtigkeitsbegriff aus der »jüdischen Zornschaftsbildung «
abgeleitet hat (136), kann er schließen: »Wo der Neid das Gewand der sozialen
Gerechtigkeit überstreift, kommt eine Lust an der Herabsetzung zum Zuge, die
schon die Hälfte der Vernichtung ist.« (257)
Vernichtungsdramaturgie
und historischer Revisionismus
Wie
kommt Sloterdijk darauf, die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit mit der
Vernichtung zusammenzuschließen? Die Argumentation ist zirkulär und verweist
auf eine unheimliche Logik, die schon eingesetzt hat, bevor die Horrorzahlen
aus Stalins Kulakenverfolgung oder Maos Kulturrevolution abgerufen werden: Es
gehört zur inneren Struktur der zynischen Konstruktion, dass das Rachegift, das
sie den Idealen und Begriffen der Subalternen untergeschoben hat, auf der
anderen
Seite
wieder herauskommen muss – als Vernichtung, die per definitionem als die eigentliche
Wahrheit der Revolution zu gelten hat (103f). Sie charakterisiert z.B. den Anarchismus
(»Produkt aus Vernichtungslust und Dynamit«), der über diese Gleichsetzung als
»Anarchofaschismus« denunziert wird (191f). Lenins Politik nach der Oktoberrevolution
kennzeichnet Sloterdijk als intendierten Massenmord, ohne auf die Idee zu
kommen, den »roten Terror« in seinem Wechselverhältnis zum »weißen Terror« der
Konterrevolution zu untersuchen (226ff). Die Abrechnung, die selbst alle Züge
eines Zornunternehmens aufweist, steigert sich schließlich zur Drohung gegen
alle, die die Gesellschaft mithilfe eines klassenanalytischen Instrumentariums begreifen
und verändern wollen: Wer nach Stalin und Mao weiter von Klassen spreche, mache
eine »Aussage über die Täter- und die Opfergruppe in einem potentiellen oder
aktuellen (Klassen-) Genozid« und treffe letztlich eine Aussage darüber, »wer
wen unter welchem Vorwand auszulöschen berechtigt sein soll« (256).
Damit
ist das Terrain vorbereitet, um den Kommunismus nicht nur mit dem Faschismus
gleichzusetzen, sondern diesen aus jenem abzuleiten: »Lenins Direktiven vom
Spätherbst 1917 an lösten die ersten faschistischen Initiativen des 20. Jahrhunderts
aus. Ihnen gegenüber konnten Mussolini und dessen Klone sich nur noch epigonal
verhalten.« (231) Gehen wir, um das Verfahren bloßzulegen, schrittweise vor.
Man könnte den ersten Satz für sich genommen noch als verkürzte Beschreibung
des Umstands verstehen, dass die faschistischen Bewegungen sich nach der
Oktoberrevolution als militanter »Gegen-Bolschewismus« auf bürgerlicher Grundlage
herausbildeten, und zwar im Doppelsinne: als Gegensatz, um den Bolschewismus
(mitsamt der Sozialdemokratie) zu vernichten, und als ideologisches »Gegenstück«,
um ihm zum Zwecke seiner Vernichtung wirksame Elemente – Insignien,
Massenmobilisierung, »Partei neuen Typus« usw. – zu entwenden.
In Sloterdijks Ausdrücken des »Auslösens« und dann v.a. der
epigonalen Nachahmung ist der Gegensatz des Verhältnisses, den die Sowjetunion
mit mehr als 20 Millionen Menschenleben bezahlen musste, bereits ausgelöscht.
In einer Anmerkung grenzt er sich von Romain Rolland und Negri ab, die den
Leninismus nur »dialektisch« als Provokationsherd des Faschismus identifiziert
hätten, statt ihn als dessen Prototyp zu erkennen (231 A53). Um hier sicher zu
gehen, baut er ein Spiegelverhältnis: Den Bolschewismus definiert er von
vornherein als Faschismus (»linksfaschistisches Original leninscher Prägung«)
und den Faschismus als Sozialismus: »Faschismus ist Sozialismus in einem Land« und
»Sozialismus ohne Proletariat« (231).
Sloterdijk
hat sich der von Ernst Nolte und anderen Vertretern des historischen Revisionismus
der 1980er Jahre vertretenen Auffassung angeschlossen, wonach der Genozid des
NS-Staats eine »Gegenausrottung« gewesen sei, die auf die bolschewistische Politik
der Klassen-»Ausrottung« reagiert hätte. Auch Nolte, der sich v.a. auf die
antibolschewistische Schreckensliteratur der »Weißen« im Bürgerkrieg stützte, verwandelte
die Aussage »›Braun‹ reagiert auf ›Rot‹, um es zu vernichten«, in die völlig
andere »›Braun‹ geht aus ›Rot‹ hervor, weshalb dieses für jenes verantwortlich
ist«. Während Nolte im »Historikerstreit« heftig
angegriffen wurde, weil seine Thesen gegen den bundesrepublikanischen Konsens
verstießen, dem zufolge die Vernichtung der europäischen Juden nicht durch den
Vergleich mit anderen Verbrechen in irgendeiner Form relativiert werden dürfe,
wurde Sloterdijks Neuauflage dieser Geschichtsrevision weder im
Wissenschaftsbetrieb noch im Feuilleton des vereinigten Deutschlands zum
Skandal. Innerhalb der herrschenden Ideologie haben sich die
geschichtspolitischen Koordinaten nach der Niederlage der sozialistischen
Staatenwelt deutlich nach rechts verschoben.
Die
Beispiele, die Sloterdijk zur Veranschaulichung anführt, stützen sich
maßgeblich auf das bereits von Nolte ausgewertete Material und tragen zur
Erforschung der im Namen des Sozialismus begangenen Verbrechen nichts bei. Die
mit der »Endlösung « befassten SS-Männer hätten
geglaubt, sich in einem »Brutalitätswettbewerb mit den sowjetischen
Ausrottungstätern« zu befinden (2005, 105, Anm. 69). An die Stelle von Belegen
treten Behauptungen über Beziehungen der folgenden Art: So hätten sich in
Himmlers Posener Rede vom Oktober 1943 »über das Anständigbleiben deutscher SS-Truppen
inmitten des von ihnen verübten Massenmordes« die »Notizen des jungen Lukács
über die metahumanistische Pflicht des Revolutionärs zur verbrecherischen
Gewaltausübung (1922) [gespiegelt]« (ebd. 104). Auch hier ist die
Zusammenstellung willkürlich und grotesk irreführend.
Wenn Sloterdijk sich schon auf die methodisch fragwürdige Ebene
einer kontext-enthobenen Zitatmontage begeben will, wäre es einfacher und
philologisch weniger aufwändig gewesen, Himmlers Rede mit Nietzsches
Herrenmoral »jenseits von Gut und Böse« und einigen passenden Zitaten zur
Extermination der Schwachen und Missratenen zu kombinieren. Und hat er nicht
selbst erklärt, sein »Ideentrainer« Oswald Spengler hätte den bedenkenswerten
Vorschlag gemacht, man bräuchte einen »Kulturarzt«, der die Aufgabe ernstnehme,
»zwischen eher ›gesunden‹ und eher ›ungesunden‹ Kulturen« zu unterscheiden?
(Sloterdijk/Heinrichs 2006, 228)
Sloterdijk
offenbart eine atemberaubende Fähigkeit, die geschichtlichen Zusammenhänge in
ihr Gegenteil zu verkehren. Während er führende Intellektuelle der
›Konservativen Revolution‹, die sich im unmittelbarsten Sinne als ideologische
Wegbereiter des Faschismus betätigt haben, als Vordenker für heutige
Weltprobleme zu rehabilitieren versucht14,
beschuldigt er die westliche Linke nach 1945, sie spielte das Spiel des
Antifaschismus, um von ihrer Mitschuld an den Verbrechen des Stalinismus
abzulenken (2006, 259). Aber während die Linken im globalisierten Kapitalismus
über keine zentrale »Zornbank« mehr verfügen, hat er für die Projektion der
eigenen Hasspotenziale schon die neuen Feindbilder ausgemacht: die »negative
Grundsuppe«, die der Vandalismus der Pariser Banlieue Unruhen an die Oberfläche
gebracht hätte (329), die »von zornigen jungen Männern überbevölkerten Staaten
des Nahen und Mittleren Orients und anderswo« (71), die von dort in unseren
›Weltinnenraum‹ eindringenden »versteinerten Gaststudenten«, die sich in den
Vorstädten »den Sprengstoffgürtel um[schnallen]« (75), die »Sammlungsbewegungen
der kampfbereiten Unzufriedenen und der energischen Überflüssigen« (68f).
Sloterdijk gibt zu verstehen, dass man angesichts dieser Bedrohungen auf
militärische Lösungen wohl nicht verzichten können wird: »Selbst Kenner der
Lage besitzen heute nicht die geringste Vorstellung davon, wie der machtvoll
anrollende muslimische youth bulge,
die umfangreichste Welle an genozidschwangeren Jungmännerüberschüssen in der
Geschichte der Menschheit, mit friedlichen Mitteln einzudämmen wäre.« (347)
Sloterdijk
hat die pseudokritisch offengelegte soziale Apartheid des »Weltinnenraums « zu
seinem eigenen Anliegen gemacht. Was Nietzsche als sozialen Träger der
jüdisch-christlichen Ressentimentmoral ausgemacht hatte, nämlich eine
internationale Tschandala in
Gestalt »einer Gesamtbewegung der Ausschuss- und Abfalls-Elemente aller Art« (KSA
6, 231), findet der Nietzscheaner des 21. Jahrhunderts in der
sozialen Basis des politischen Islams wieder: »ein aufgebrachtes Subproletariat
[...], schlimmer: eine desperate Bewegung aus
ökonomisch Überflüssigen und sozial Unverwendbaren« (2006, 347).
Ein
neuer Think Tank
Sloterdijk
hat in der Zeit seines Aufstiegs einen Weg nach weit rechts zurückgelegt. Dass
er dabei die Belesenheit und das Geschick hatte, sich mit einer großen
Bandbreite linker und alternativer Diskurselemente auszustatten, erschwert die
Entzauberung noch heute. Auch wenn der ideologiekritische Gestus schon längst
herrschaftszynisch umgepolt und gegen die subalternen Klassen, ihre
Intellektuellen und Organisationen in Anschlag gebracht wurde, wirkt die
Faszination noch fort. Selbst viele der Denunzierten fühlen sich nicht
getroffen, weil sie sich in der forschen Sprache, mit der sie denunziert
werden, wiedererkennen wollen. Die Lust des Autors an Provokation, Tabubruch
und Skandal scheint auch dann noch denkerischen Mut und Radikalität zu
signalisieren, wenn das Denken sich in der elitären Radikalisierung
herrschender Ideologien erschöpft. Sloterdijks Leistung fürs Hegemonieprojekt
der herrschenden Elite besteht in der aktualisierenden Zusammenführung eines
wirtschaftsliberalen Besitzindividualismus mit Nietzsches heroischem Egoismus
und autoritären Ansätzen der ›Konservativen Revolution‹.
Diese
Syntheseleistung ist der intellektuelle Beitrag, den Sloterdijk in den im
Frühjahr 2008 gegründeten Frankfurter Zukunftsrat einbringt. Initiiert wurde
der Think Tank von Manfred Pohl, der von 1972 bis 2004 das Historische Institut
der Deutschen Bank leitete. Der noch von Deutsche-Bank-Chef Hermann Josef Abs
persönlich geförderte Unternehmenshistoriker gehört zu den wichtigsten
organischen Intellektuellen des europäischen Großkapitals, der sich v.a. durch
die Gründung von kapitalnahen Vereinen und Think Tanks einen Namen gemacht hat
(vgl. Wagner 2007a). Der Frankfurter Zukunftsrat fordert u.a. die »Anpassung
der Politik an den globalen Wettbewerb« und agitiert gegen »Verteilungsgerechtigkeit«
und das »Recht auf Arbeit« (vgl.
http://www.frankfurter-zukunftsrat.de/Anspruch/). Eine der jüngsten Initiativen
zielt auf neo-bonapartistische Änderungen des Wahlrechts, die darauf gerichtet
sind, die Linkspartei aus den Parlamenten wieder zu entfernen.
Literatur
Bataille,
Georges, Die Aufhebung der Ökonomie,
München 1985
Dannemann,
Rüdiger, Georg Lukács zur Einführung, Hamburg
1997
Götze,
Karl Heinz, »Bombenstimmung. Zu Peter Sloterdijks ›Kritik der zynischen
Vernunft‹«,
in:
Das Argument 142, 25. Jg., 1983, 821-29
Haug,
Wolfgang Fritz, Vom hilfl osen Faschismus zur Gnade der
späten Geburt, Hamburg 1987
Losurdo,
Domenico, Kampf um die Geschichte. Der historische
Revisionismus und seine
Mythen,
Köln 2007
ders.,
Nietzsche, der aristokratische Rebell. Intellektuelle Biographie
und kritische Bilanz, hgg.
v.
J.Rehmann, Hamburg 2009
Nietzsche,
Friedrich, Kritische Studienausgabe,
hgg. v. G.Colli u. M.Montinari, München 1980
(zit.
KSA)
PIT
= Projekt Ideologietheorie, Faschismus und Ideologie, 2
Bde., Berlin/W 1980; neu hgg. v.
K.Weber,
Hamburg-Berlin 2007
Rehmann,
Jan, Max Weber: Modernisierung als passive
Revolution. Kontextstudien zu Politik,
Philosophie
und Religion im Übergang zum Fordismus, Hamburg 1998
ders.,
Postmoderner Links-Nietzscheanismus. Deleuze & Foucault. Eine
Dekonstruktion,
Hamburg
2004
Rifkin,
Jeremy, Das Imperium der Rinder,
Frankfurt/M-New York 1994
Sloterdijk,
Peter, Kritik der zynischen Vernunft,
Frankfurt/M 1983
ders.,
Im Weltinnenraum des Kapitals, Frankfurt/M
2005
ders.,
Zorn und Zeit, Frankfurt/M 2006
ders.,
»Revolution des Geistes«, Interview in der Süddeutschen
Zeitung, 3.1.2009, http://www.
sueddeutsche.de/kultur/332/453028/text/
ders.,
u. Hans-Jürgen Heinrichs, Die Sonne und der Tod,
Frankfurt/M 2006
Wagner,
Thomas, »Neoliberaler Strippenzieher«, in: junge Welt,
2.7.2007[a], Nr. 172, Thema
10/11
ders.,
»Herrschaftliches Liedgut«, in: junge Welt,
29.10.2007[b], Nr. 251, Thema 10/11



