Aktuelle Beiträge der Autorin / des Autors
Eine Frage des Glaubens
Die türkische Regierungspartei AKP zwischen Verbot und erfolgreicher Islamisierung
Es
kommt nicht häufig vor, dass ein Generalstaatsanwalt die Regierungspartei vom
Verfassungsgericht verbieten lassen will. Doch genau das ist in der Türkei
geschehen. Weil der Verbotsantrag knapp scheiterte, kann die AKP von Ministerpräsident
Erdogˇan und Staatspräsident Gül nun zwar trotz des Vorwurfes, die Türkei
islamisieren zu wollen, weiterregieren. Doch der Konflikt zwischen der AKP und
den Kemalisten sowie dem Militär ist nicht ausgestanden. Worauf beruht er? Und
in welchem Verhältnis stehen Politik und Religion in der Türkei?
von
Sören Scholvin
Im Februar 2008 legte der türkische
Generalstaatsanwalt dem Verfassungsgericht einen Antrag auf Verbot der
regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) vor. Für 71 ihrer führenden
PolitikerInnen, darunter Ministerpräsident Erdogˇan und Staatspräsident Gül,
forderte er ein fünfjähriges Politikverbot. Die Anklageschrift warf ihnen Verstöße
gegen den Laizismus vor, obwohl sich die Partei und ihre SpitzenpolitikerInnen
stets zur Trennung von Staat und Religion bekannt hatten. Auch wenn der
Verbotsantrag mittlerweile abgelehnt wurde, weil die nötige Stimmenzahl um eine
Stimme verfehlt wurde, bleibt die Frage, ob es sich bei der Partei für
Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) um eine islamistische Partei handelt, die
tatsächlich den türkischen Laizismus bedroht.
Kemalismus
versus Islamismus
De jure ist die Türkei seit
ihrer Gründung 1923 durch Mustafa Kemal ein laizistischer Staat. Das Verhältnis
von Staat und Religion muss jedoch treffender mit der Formel der
Verstaatlichung der Religion beschrieben werden. In Abgrenzung vom angeblich rückschrittlichen
Volks- und Gelehrtenislam entwickelte die türkische Staatsklasse einen
pro-laizistischen Staatsislam, dessen Aufgabe bis heute die Entpolitisierung
der Religion ist. Islamismus als Gegenkonzept zum Kemalismus wird im Folgenden
verstanden als das Bestreben, die islamische Religion teilweise oder ganz zum
Ordnungsmuster für Gesellschaft und Staat zu machen.
Die
Reaktion islamischer Bewegungen in der Türkei auf den Dominanzanspruch des
Staates kann in drei Etappen untergliedert werden: Nach Gründung der Republik
sollte die Türkei auf Grundlage der sechs Säulen des Kemalismus –
Nationalismus, Republikanismus, Populismus, Laizismus, Etatismus und
Revolutionismus – in die Moderne und nach Europa geführt werden. Die Religion
galt es ins Privatleben zu verbannen. Dies begründete die erste Etappe der
Konfrontation von Islamismus und Kemalismus: Die islamistischen Bewegungen
sahen angesichts des repressiven Vorgehens des Staates keine Chance, sich legal
massenwirksam zu betätigen. Religiöse Bildungsangebote fanden nur noch geheim
und in geringem Umfang statt. Religiöse Gemeinschaften wie der Nurcu-Orden
fokussierten spirituelle Fragen und stellten die Arbeit an der individuellen
Religiosität in den Vordergrund. Während der öffentliche Raum durch die
Dominanz des Kemalismus geprägt war, beschränkte sich der Islamismus zwangsläufig
auf die eigenen vier Wände seiner AnhängerInnen.
Mit
dem Übergang zum Mehrparteiensystem 1946 trat ein grundlegender Wandel im Verhältnis
von Staat und Religion ein: Neben die von oben verstaatlichte Religion trat
eine Politisierung der Religion von unten. Der Islam wurde rasch zu einem
wesentlichen Bestandteil im Programm der türkischen Mitte-Rechts-Parteien, die
zwar keinesfalls islamistisch waren, aber wie die Demokratische Partei
(Demokrat Partisi) in den 1950er Jahren oder die Gerechtigkeitspartei (Adalet
Partisi) in den 1960ern Anknüpfungspunkte für Islamisten boten. Hieraus
entstand ein neues Betätigungsfeld für den Politischen Islam: Die
staatszentrierte Partizipation am politischen System in der Hoffnung, durch
Regierungsbeteiligung Veränderungen herbeiführen zu können.
Islam
als sozialer Kitt
Die Modernisierungs- und
Industrialisierungspolitik der 1960er Jahre hatte Arbeitslosigkeit,
Hyperinflation und Landflucht zur Folge. Erste islamistische Parteien
entstanden unter der Führung von Necmettin Erbakan. Die 1970 gegründete Partei
der Nationalen Ordnung (Milli Nizam Partisi) vertrat primär Handwerker und
Kleinunternehmer, die in Opposition zum kemalistischen Großunternehmertum
standen. Nach dem Putsch von 1971 wurde sie vom Verfassungsgericht verboten.
Erbakan gründete 1972 die Nationale Heilspartei (Milli Selamet Partisi), mit
der er kurze Zeit später an mehreren Regierungskoalitionen beteiligt war.
Hiermit begann ein Prozess, der für das islamistische Parteiwesen in der Türkei
bis heute kennzeichnend ist – wird eine Partei verboten, entsteht kurze Zeit später
eine neue mit anderem Namen, aber nahezu deckungsgleichem Programm und
Personal.
Im
Rahmen der so genannten islamisch-türkischen Synthese der frühen 1980er Jahre
strebte das Militär danach, den Islam als sozialen Kitt des türkischen
Nationalstaates zu nutzen und ihn als Gegengewicht zur starken Linken
aufzubauen. Infolgedessen setzte die dritte Etappe im kemalistisch-islamistischen
Spannungsverhältnis ein. Sie dauert bis heute parallel zur zweiten an. Der
Staat eröffnete islamistischen Bewegungen breite gesellschaftliche
Partizipationsmöglichkeiten. Eine der ersten Amtshandlungen der Regierung
Turgut Özals war die Legalisierung von Wohltätigkeitsspenden an religiöse
Einrichtungen. Gesellschaftlich orientierte, nicht-parteigebundene
islamistische Organisationen wie die Gülen-Bewegung erlebten einen Boom
hinsichtlich ihrer Mitgliedszahlen und Betätigungsmöglichkeiten.
Bei
den Kommunalwahlen 1994 und den Parlamentswahlen 1995 verzeichnete die in
Nachfolge der Heilspartei gegründete Wohlfahrtspartei angesichts der
Wirtschaftskrise, die die Çiller-Regierung nicht zu lösen vermochte,
beeindruckende Erfolge. Sie stellte in vielen Großstädten, darunter Ankara und
Istanbul, den Bürgermeister und mit Erbakan ab 1996 den ersten islamistischen
Ministerpräsidenten des Landes. Die Versuche, ihre Vorstellungen einer
islamischen Gesellschaft umzusetzen, riefen jedoch rasch Widerstand hervor. Im
Juni 1996 beendete die Armee Erbakans Herrschaft, ohne selbst die Regierung zu übernehmen.
Die Wohlfahrtspartei wurde im folgenden Jahr durch das Verfassungsgericht
verboten, Erbakan mit einem fünfjährigen Politikverbot belegt.
Nach
dem Verbot der Wohlfahrtspartei sollte die Tugendpartei (Fazilet Partisi) als
Nachfolgeorganisation fungieren. Recep Tayyip Erdogˇan stieg als junger,
charismatisch-populistischer Politiker rasch in der Partei auf. Ihm gelang es,
neue WählerInnen aus der Mittelschicht zu gewinnen. Diese zumeist jungen,
wirtschaftlich Erfolgreichen waren von der ökonomischen Liberalisierung der
1980er und dem damaligen Erstarken des Islamismus geprägt. Da Erdogˇan mit
seinem reformorientierten Kurs allerdings auf Widerspruch bei vielen
traditionell eingestellten Parteimitgliedern stieß, trennten sich nach dem
Verbot der Tugendpartei im Juni 2001 die Wege dieser beiden Lager. Erdogˇan gründete
mit den reformorientierten Islamisten die Partei für Gerechtigkeit und
Entwicklung (Adalet ve Kalkinma Partisi, kurz: AKP), während sich die
Konservativen um Recai Kutan und die graue Eminenz Erbakan in der Glückseligkeitspartei
(Saadet Partisi) sammelten. Die AKP wurde bei den Parlamentswahlen 2002 stärkste
Partei des Landes und bestätigte ihre Dominanz in den Kommunalwahlen 2004 sowie
den Parlamentswahlen 2007. Die Glückseligkeitspartei bleibt hingegen weit davon
entfernt, an der Zehn-Prozent-Hürde auch nur zu kratzen.
Ökonomische
Wahlmotive
Da die politische Modernisierung
in der Türkei vor der wirtschaftlichen erfolgte, entstand ein Gegensatz
zwischen europäisierter, säkularisierter Elite in den Städten und
traditionell-islamisch geprägter Landbevölkerung. Die Parteien Erbakans präsentierten
sich folglich als Vertreter der Peripherie und Gegner des
laizistisch-verwestlichten Zentrums. Insbesondere die räumliche Verteilung der
Wählerschaft der Islamisten untermauert ihre Zuschreibung zur Peripherie: Zwei
Drittel der WählerInnen der Nationalen Heilspartei lebten im ländlichen Raum.
In
den 1980ern setzte ein grundlegender Wandel des islamistischen Wählerpotentials
ein. Die rasante Urbanisierung hatte mit den Gecekondus randstädtische
Marginalviertel als Saum armer, religiös-konservativ geprägter Menschen um die
Städte geschaffen. 60 Prozent der EinwohnerInnen Istanbuls und 40 Prozent der
EinwohnerInnen Ankaras waren aus anderen, zumeist peripheren Landesteilen
zugewandert, so der Stand im Jahr 1980. Mitte der 1990er Jahre lebten rund 13
Millionen Menschen in Gecekondus. Die Wohlfahrtspartei hatte im Gegensatz zu
den nicht-islamistischen Parteien in den Gecekondus Netzwerke aufgebaut, über
die sie Hilfsgüter verteilte, Arbeitsplätze vermittelte und Stipendien vergab.
Diese Sozialleistungen in Kombination mit dem Vorbild erfolgreicher und wohltätiger
islamischer Unternehmer schufen ein Alternativkonzept zur kemalistischen
Verwestlichung.
Neben
der städtischen Marginalbevölkerung entwickelte sich das anatolische
Unternehmertum ab den frühen 1980er Jahren zur zweiten Klasse hinter den
islamistischen Parteien. Seinen Aufstieg verdankt es dem wirtschaftlichen
Liberalisierungsprogramm der Özal-Regierung und dem damit verbundenen
Paradigmenwechsel von der Importsubstitution, die die kemalistische Großbourgeoisie
begünstigt hatte, zur exportorientierten Entwicklung auf Grundlage der
Textilindustrie. Bei den anatolischen Klein- und Mittelunternehmen handelt es
sich zumeist um Familienbetriebe, in denen religiös-konservative
Wertevorstellungen dominieren. Angesichts ihres Aufstiegs werden oft Parallelen
zur protestantischen Sozial- und Wirtschaftsethik gezogen: Wie im Calvinismus
werde wirtschaftlicher Erfolg als gottgefällig angesehen. Je mehr ein
Unternehmer für religiöse Zwecke spenden könne, desto größer seine Gottgefälligkeit.
Statt der marginalisierten Anhängerschaft der Islamisten der 1970er Jahre
traten nun erfolgreiche Gläubige auf – zunächst ansatzweise bei der
Wohlfahrtspartei, dann in voller Ausprägung bei der AKP. Erst durch ihren
wirtschaftlichen Erfolg und die daraus resultierenden Spenden wurden
islamistische Bewegungen in die Lage versetzt, Sozialmaßnahmen zu finanzieren
und somit eine gesellschaftliche Islamisierung – die dritte Etappe in der
islamistisch-kemalistischen Konfrontation – einzuleiten.
Nach
der Trennung des reformorientierten Erdogˇan-Flügels von den konservativen Anhängern
Erbakans beruhte der rasante Aufstieg der AKP ähnlich wie die Erfolge ihrer
islamistischen Vorgängerinnen auf dem wirtschaftspolitischen Versagen der
etablierten Parteien. Die Finanz- und Wirtschaftskrise des Jahres 2001 führte
zu einem Minuswachstum, einem Einkommensrückgang der abhängig Beschäftigten, zu
neuen Arbeitslosen sowie 50.000 Pleiten im Einzelhandel und Kleingewerbe. Der
Regierung Bülent Ecevits gelang es nicht, eine Stabilisierung der
wirtschaftlichen Lage zu erreichen. Ecevits Partei der Demokratischen Linken
(Demokratik Sol Partisi) stürzte bei den Wahlen 2002 von 22,1 Prozent auf 1,2
Prozent ab. Die AKP hingegen erreichte beinahe eine Zwei-Drittel-Mehrheit im
Parlament.
Ein
wichtiger Faktor für den Erfolg der damals erst wenige Monate alten und
praktisch programmlosen Partei war das Charisma Erdogˇan als ‚ehrlicher’ und
pragmatischer Politiker, der Alltagsprobleme zu lösen versprach. Auf dem Höhepunkt
der Wohlfahrtspartei hatte er sich als Bürgermeister von Istanbul durch das
ausgezeichnet, was man mit dem Begriff Good Governance zusammenfassen kann.
Eine funktionierende Müllabfuhr und die Erneuerung des städtischen Strom- und
Wassernetzes werden immer wieder als Beispiele angeführt, die verdeutlichen
sollen, dass Erdogˇan Lösungen erreichte, während nicht-islamistische Politiker
scheiterten.
Nach
Regierungsantritt der AKP bestätigt die Korrelation ihrer Wahlerfolge mit der
positiven wirtschaftlichen Entwicklung die offensichtliche Dominanz ökonomischer
Motive für die türkischen WählerInnen: Das durchschnittliche jährliche
Pro-Kopf-Einkommen stieg innerhalb von vier Jahren um mehr als die Hälfte und
die Inflation sank zum ersten Mal seit mehr als drei Dekaden unter zehn
Prozent. Bei den Parlamentswahlen 2007 steigerte Erdogˇans Partei ihren
Stimmanteil auf 46,6 Prozent.
Passive
statt aktive Säkularität
Nach Ansicht des
reformorientierten Flügels um Erdogˇan war die Wohlfahrtspartei 1996 an ihrem
islamistischen Kurs gescheitert, der den Putsch des Militärs und ihr Verbot
provoziert habe. Die Regierungszeit Erbakans habe die Grenzen islamistischer
Politik in der Türkei aufgezeigt. Diese Einsicht begründet die partielle Abkehr
der AKP vom Islamismus. Das Prinzip der Säkularität erkennt sie explizit an. Säkularität
wird von ihr jedoch passiv, als Neutralität des Staates gegenüber Religion
beziehungsweise Gleichbehandlung von Religiosität und Nicht-Religiosität
verstanden. Anschaulich wird dieser Unterschied daran, dass ein klassischer
Islamist ein Kopftuchgebot wie in Iran fordern und damit Nicht-Religiosität
rechtlich verbieten wollen würde, wohingegen die AKP nur fordert, das
Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen abzuschaffen, sprich die
Diskriminierung von Religiosität zu beenden.
Oftmals
äußern AKP-PolitikerInnen, dass das amerikanische Verhältnis von Staat und
Religion ihrem Ideal sehr nahe komme. In diesem Sinne streben sie danach, wie Özal
in den 1980er Jahren die gesellschaftlichen Möglichkeitsbereiche für den Islam
zu erweitern. Die kemalistische Säkularität ist aber keine passive, sondern
verfolgt aktiv das Ziel, die Gesellschaft zu säkularisieren. So begründete das
Verfassungsgericht 1997 das Verbot der Wohlfahrtspartei unter anderem damit,
dass Säkularität nicht nur die Trennung von Staat und Religion, sondern darüber
hinaus den Prozess der Säkularisierung zu fördern habe. Wenn man den
Verlautbarungen der AKP Glauben schenkt, besteht in diesem Verständnis von Säkularität
der Konflikt zwischen ihr und dem kemalistischen Teil der Gesellschaft – und
nicht in der Islamisierung des Staates.
Doch
das Argument, Erdogˇans moderate Haltung könnte rein taktischer Natur sein, um
ein Verbot seiner Partei zu verhindern, ist nicht von der Hand zu weisen. Ein
solches Verhalten kann genauso wie der zuvor beschriebene Verzicht auf die
Islamisierung des Staates als Lehre aus dem Sturz der Erbakan-Regierung gezogen
werden. Die Akzeptanz von Säkularität, auch passiver, wäre sodann lediglich
vorgetäuscht, die Islamisierung bliebe das versteckte Ziel. In diesem Kontext
ist auch die von der AKP forcierte Annäherung an die EU zu sehen. Denn die von
der EU geforderten Reformen führen dazu, dass die Macht des Militärs stark
eingeschränkt, eine Militärintervention gegen eine schleichende Islamisierung
immer unwahrscheinlicher wird. So verabschiedete das türkische Parlament im
August 2003 ein Reformpaket, das die Privilegien des Militärs beschnitt. Unter
anderem wurde es ermöglicht, einen zivilen Generalsekretär für den Nationalen
Sicherheitsrat, das zentrale Machtorgan des Militärs, zu ernennen.
Aber
hat sich die AKP nicht vom Islamismus verabschiedet und strebt sie nicht über
die passive Säkularität lediglich danach, das türkische Verhältnis von Staat
und Religion dem der meisten westlichen Länder anzugleichen? Dem ist nicht so.
Nach Meinungsumfragen verstehen sich zirca 40 Prozent der TürkInnen zunächst
als Muslime oder muslimische TürkInnen, erst dann als türkische BürgerInnen.
Eine Zwei-Drittel-Mehrheit spricht sich gegen das Kopftuchverbot in öffentlichen
Einrichtungen aus, wünscht sich also die Abkehr von der säkularisierenden Säkularität.
Angesichts der Tatsache, dass die türkische Gesellschaft im Gegensatz zu
westlichen Gesellschaften keinesfalls säkularisiert ist, würde die rechtliche
Gleichstellung von Religiosität und Nicht-Religiosität aller Wahrscheinlichkeit
nach zu einer gesellschaftlichen Islamisierung führen. Die konservative
Familienpolitik der AKP beispielsweise, die darauf zielt, wegen häuslicher
Gewalt geflohene Frauen möglichst rasch wieder in ihre Familien zu integrieren,
steht in diesem Kontext einer Modernisierung klar entgegen.
Wie
die türkische Soziologin Nilüfer Göle unter dem Terminus »Ausweg aus einer
religiösen Revolution« darlegt, durchlaufen islamistische Bewegungen gegenwärtig
eine Verschiebung ihres Handlungsfokus. Es gelte für sie, nicht mehr den Staat
islamisch zu revolutionieren, sondern den öffentlichen Raum zu erobern. Die
kemalistische Stigmatisierung des Islam als modernisierungsfeindlich und rückwärtsgewandt
wird umgekehrt, Religiosität zum Idealbild erklärt. Folglich erscheint
Nicht-Religiosität als negativ besetzte, abzulehnende Haltung. Soziale
Ausgrenzung, teils sogar physische Gewalt gegen Menschen, die sich öffentlich
als nicht-religiös zu erkennen geben, sind die Folge. Wenn der Staat die
Freiheit vor der Religion nicht mehr gewährleistet, endet die Freiheit der
einzelnen, nicht-religiös zu sein.
Mag
die AKP zwar davon Abstand genommen haben, die staatlichen Institutionen zu
islamisieren, mit ihrer Politik der passiven Säkularität zielt sie darauf, die
gesellschaftlichen Grundlagen des Kemalismus zu zerstören. Ob Religiosität und
Nicht-Religiosität in solch einem Fall faktisch gleichberechtigt existieren können,
ist äußerst fraglich.
Sören Scholvin ist Diplomand am
Institut für Geographie der Universität Hamburg.












