Aktuelle Beiträge der Autorin / des Autors
Eine kleine Herbstdepression
Editorial
Mal
ehrlich: Wer musste in den letzten Wochen beim Zeitung lesen nicht gegen
kindische Schadenfreude ankämpfen? Anlässe bot die so genannte Finanzkrise
reichlich. Hartgesottene Neoliberale, die um die Verstaatlichung von Banken
flehen: Haha, das geht runter wie Butter! Der Aktienkurs von Porsche seit
Jahresbeginn um 70 Prozent abgeschmiert: Weiter so! Die Kreditanstalt für
Wiederaufbau, die ihren Namen wörtlich nimmt, indem sie der insolventen Lehman
Bank noch 500 Millionen hinterher wirft: Dumm wie Brot! Die säuerliche Miene
von Hartmut Mehdorn, der den Börsengang der Deutschen Bahn AG absagen muss: Hätten
wir gern öfter! InvestmentbankerInnen, deren berufliche Existenz in Trümmern
liegt und die damit am eigenen Leibe erfahren, was sie anderen massenhaft
eingebrockt haben: Geschieht ihnen ganz recht!
Doch
im Verlauf der Krise wurde zur Gewissheit, dass der Schaden größer ist als die
Freude. Was jetzt als Folge der Finanzkrise und der bevorstehenden Rezession
droht, bleibt nicht auf BankerInnen und BörsianerInnen beschränkt. Die Lebens-
und Arbeitsbedingungen der gesamten Menschheit werden sich verschlechtern,
insbesondere aber bei denen, die in der globalen sozialen Hierarchie ohnehin
schon unten stehen. Billiglöhne sind mehr denn je das Geschäftsmodell der
Zukunft, das Erpressungspotenzial ist schließlich im Zuge der Krise größer
geworden. Schon werden weltweit die Lohnforderungen von Arbeitenden, die ihren
Teil am bereits erwirtschafteten Kuchen wollen, als vollkommen unhaltbar zurückgewiesen.
Soziale Absicherung und andere staatliche Leistungen werden massiv zurückgefahren
oder verteuern sich. Beispielhaft dafür steht die erwähnte KfW, die ihre Verluste
bei Lehman kompensiert, indem sie die Zinsen für Studienkredite auf sieben
Prozent erhöht. Und das ist nur ein vergleichsweise harmloser Vorgeschmack
dessen, was noch kommt.
Es
sind nicht nur die realen Auswirkungen der Krise, die einen kalten Winter erwarten
lassen. Denn angesichts der anhaltenden Schwäche emanzipatorischer
Gesellschaftsentwürfe nimmt die Krisenbewältigung einmal mehr autoritäre und rückwärtsgewandte
Formen an. Von links bis rechts wird die Rückkehr des »starken Staats«
gefordert, ganz so, als sei die Herausbildung der Finanzmärkte nicht erst
mittels entschiedener staatlicher Maßnahmen erfolgt. Wenn nun Banken
verstaatlicht werden, bedeutet das nichts anderes als die Sozialisierung ihrer
Verluste. Krisengewinnler sein möchten auch internationale Institutionen wie
der IWF. Der empfiehlt sich nun als Gestalter einer internationalen
Finanzarchitektur. Genau das war er schon in der Vergangenheit – mit
katastrophalen Ergebnissen.
Als
Software des neuen starken Staates fungiert der ressentimentgeladene Appell an
das (wie immer nationale) Gemeinschaftsgefühl. Die Amis und ihre Vasallen, die
Briten, die haben »uns« das nämlich eingebrockt mit ihren faulen Krediten.
Daraus lässt sich prima moralischer Mehrwert ziehen. Bundeskanzlerin Merkels
Rede von der »Gier« und der »verantwortungslosen Spekulation«
angloamerikanischer Finanzhaie zu Ungunsten deutscher Banken und Sparguthaben
trifft bis weit in die Linkspartei hinein auf Zustimmung. Und auch der Papst möchte
in diesem schrillen Konzert nicht fehlen: »Wer auf Geld baut, baut auf Sand« –
so wie der Vatikan mit seinen Aktien und Staatsanleihen im Wert von ursprünglich
520 Millionen Euro. (Dass es inzwischen weniger sein dürften, spendet ein klein
wenig irdischen Trost. Womit wir wieder bei der Schadenfreude wären.)
Eigentlich
hätte in der Krise die Stunde der Globalisierungskritik schlagen müssen. Mit
einer zeitnahen Großdemonstration gegen Sozialabbau, »starken Staat«, Rassismus
und andere autoritäre Krisenlösungsmodelle hätte viel Aufmerksamkeit gewonnen
werden können. Doch Attac und andere bewiesen kaum Handlungsfähigkeit. »Da sind
wir ein bisschen blank zurzeit«, räumt selbst Attac-Geschäftsführerin Sabine
Leidig ein. Stattdessen wird die überaus simplifizierende Formel vom globalen
Casino, das nun geschlossen werden soll, wiedergekäut. Kapitalismuskritik, die
sich nicht mal die Mühe macht, die Logik der Kapitalverwertung jenseits von
populistischen Schlagworten in den Blick zu nehmen, verdient diesen Namen
nicht. Man beschränkt sich lieber auf die im doppelten Wortsinne bescheidene
Forderung nach einer 0,7 Prozent-Abgabe auf Kapitalbewegungen oder – ganz
radikal – auf Kapitalvermögen.
Was
bleibt, ist die tröstliche Erkenntnis, dass die gegenwärtige Krise nicht die
erste ist und nicht die letzte sein wird. Und vielleicht erwächst aus ihr ja
doch noch eine vernünftige Kritik, die überdies praktisch wird. So dass unsere
kleine Herbstdepression sich als unbegründet erweist. Das wünscht sich
die
redaktion
PS:
Die
Stadt Freiburg hatte 47 Millionen Euro an die Lehman Bank überwiesen. Das Geld
ist nun
eingefroren,
wenn nicht sogar futsch. Die Prognose, dass nun die Unterstützung für soziale
und kulturelle
Projekte
runter gefahren wird, ist wohl nicht allzu gewagt. Möglicherweise betrifft das
auch den ohnehin
schon
gekürzten Zuschuss der Stadt für das iz3w. Damit unsere hausinterne Finanzkrise
unserer Kritik nicht in Zukunft die Luft abdreht, bitten wir um freundliche
Beachtung des Spendenkontos (siehe S. 50 unten).
Beim
iz3w ist Ihr Geld gut angelegt; seriöserweise versprechen wir aber nichts
anderes als
Erkenntnisgewinne.












