Faschismustheorien Ihre Bedeutung für die Forschung und die politische Bildung

Richard Saage in UTOPIEkreativ (29.08.2008)

Vortrag, den der Autor am 14. März an der Slowenischen Akademie der Wissenschaften in Ljubljana gehalten hat und basiert auf seinem 2007 erschienenen Buch »Faschismus. Konzeptionen und historische Kontexte«.

I.

1 Als ich im Jahr 1976 mein Buch »Faschismustheorien«2 veröffentlichte, reagierte es auf eine ganz spezifische Forschungslage, die untrennbar mit dem damals in der Bundesrepublik Deutschland vorherrschenden politischen Klima verbunden war. Einer im Zeichen der sozial-liberalen Koalition stehenden Tendenz, unter dem Einfluss der Studentenbewegung und ihrer emanzipatorischen Impulse »mehr Demokratie« zu wagen und gleichzeitig die starre Ost-West-Konfrontation zugunsten einer allmählichen Aufweichung des »Eisernen Vorhanges«, der Deutschland in zwei Teile zerriss, zu lockern, stand eine neo-konservative Opposition gegenüber, die mit der Infragestellung des bisherigen sozio-kulturellen Status quo den Einbruch eines neuen »Totalitarismus« befürchtete. Diese Polarisierung ging nicht spurlos an der Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich vorbei. Bis Ende der 1960er Jahre im Schatten der identifizierenden Totalitarismustheorie einerseits und einer personalisierenden Deutung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems als eines von dämonischen Kräften verursachten »Betriebsunfalls« der Geschichte andererseits stehend, die den an sich gesunden deutschen Staat in den abschüssigen Strudel des nationalsozialistischen Reichs der »niederen Dämonen« gerissen habe, trat nun in Gestalt einer akademischen Marxismus-Rezeption eine Alternative gegenüber, die von vielen als Provokation empfunden wurde.

Für kurze Zeit wurden in der Faschismusforschung der Bundesrepublik Fragen relevant, welche die damals herrschende Totalitarismustheorie bzw. personalisierende Deutung des Dritten Reiches relativierten: Welche gesamtgesellschaftliche Klassenkonstellation ermöglichte jene »verselbständigte Exekutive« auf dem Boden der liberalen Demokratie, die den Weg zum Faschismus ebnete? Welchen Anteil hatte die deutsche Großindustrie an der faschistischen Machtübergabe? In welchem Maße waren großindustrielle Gruppen an der militärischen Expansion in Osteuropa beteiligt? Warum erwies sich der Faschismus vor allem für den alten und neuen Mittelstand so attraktiv, dass er jenem zu einer Massenbasis verhalf? Woran lag es, dass die am besten organisierte Arbeiterbewegung der Welt in Deutschland fast kampflos vor dem Faschismus kapitulierte? War der Faschismus an der Macht wirklich identisch mit jenem monolithischen Machtblock, als den die identifizierende Totalitarismustheorie ihn ausgab? Warum blieb der Faschismus in Italien etatistisch kontrolliert, während er in Deutschland genügend Spielraum besaß, um die staatlichen Strukturen zu destruieren? In welchem Maße hat der Faschismus modernisierend gewirkt? Welche psychischen Strukturen machten bestimmte Bevölkerungsschichten anfälliger für den Faschismus als andere? Diesen Fragenkatalog könnte man beliebig fortführen. Auf einige von Ihnen versuchte ich in meinem Band »Faschismustheorien« durch die Rezeption der einschlägigen Ansätze der Zwischenkriegszeit, aber auch der 1940er Jahre sowie der Nachkriegszeit und der neueren historiografischen Untersuchungsresultate eine Antwort zu geben.

Heute hat sich, wie es scheint, die Situation grundlegend geändert. Die Rezeption von Faschismustheorien, mit deren Hilfe man Klarheit zu erlangen suchte über die gesellschaftliche Basis, die Aufstiegsbedingungen, aber auch über die Funktion des Faschismus hat zur Zeit keine Konjunktur. Neue Fragen sind in der Faschismusforschung hegemonial geworden, die das Problem des Faschismus von der Strukturebene auf die Ebene der Opfer verlagert: bis hin zu der deprimierenden Einsicht Primo Levis, dass sich die Geschichte der Konzentrationslager nicht auf die beiden Blöcke der »Opfer und Verfolger« herunter brechen lässt. Insbesondere am Beispiel der Sonderkommandos kann Levi zeigen, dass es eine »blühende Grauzone von ›protekcja‹ (Korruption) und Kollaboration der Opfer in den Lagern« gab, und zwar der Opfer in ihrer ganzen Bandbreite: von der »›bunt zusammen gewürfelten Fauna‹ der mit niederen Funktionen betrauten Häftlinge, die sorgsam über die kleinen Vorteile wachten, die sie gegenüber den anderen Häftlingen genossen, über das Netz der tatsächlich privilegierten Kapos, denen es freistand, nach Lust und Laune ›die gemeinsten Brutalitäten zu begehen‹, bis zu den Sonderkommandos, die das fürchterliche Schicksal hatten, ihr Leben im KZ dadurch verlängern zu können, dass sie die Gaskammern und Krematorien bedienten«.3 Sind angesichts dieses »dämonischsten Verbrechens des Nationalsozialismus« (Primo Levi) 4, nämlich der Erfindung und Organisation von Sonderkommandos, Faschismuskonzeptionen obsolet? Für diejenigen, die in dem subjektiven Leid unzähliger Menschen, das der deutsche Faschismus zu verantworten hat, den Tatbestand sehen, der ausschließlich zählt, muss dies sicherlich der Fall sein. Wer aber die sozialen Mechanismen zu dechiffrieren sucht, welche jene menschenverachtende »Grauzone« erst ermöglichte, kommt um strukturelle, d. h. konzeptionelle Analysen des faschistischen Syndroms nicht herum.

Aber Faschismustheorien können nicht nur aufklären über soziale und psychische Konstellationen, die den Faschismus als Massenbewegung ebenso ermöglichten wie dessen Bündnis mit den traditionellen Eliten der bürgerlichen Gesellschaft: Sie haben auch das Potential, sozio-politische Bedingungen anzugeben, unter denen die Gefahr des Faschismus zumindest auf ein Minimum reduziert ist. Insofern sind sie durchaus geeignet, normative Orientierungshilfe für die politische Bildung zu leisten. Um beiden Aspekten gerecht zu werden, konzentriert sich mein Beitrag auf eine einzige Frage: Wie muss im Licht der Faschismustheorien eine Gesellschaft aussehen, die den Faschismus strukturell vermeidet? Auch wenn die meisten theoretischen Ansätze nicht immer explizit die sozio-politische Alternative thematisierten, die sie dem Faschismus gegenüberstellten, so lässt doch der mehr oder weniger kritische Anspruch, mit dem sie ihn analysierten, vermuten, dass sie zumindest indirekt von Elementen eines gegenüber den faschistischen Fehlentwicklungen immunisierten Modells ausgingen.

II.

Von allen Ansätzen, die im Zentrum dieses Beitrags stehen, hat das sowjetmarxistische Paradigma zu diesem Problem die dezidierteste Stellung bezogen.5 Da zwischen dem Faschismus und dem Monopolkapitalismus ein instrumentelles Verhältnis in dem Sinne bestehe, dass jener das Werkzeug und dieser das es benutzende Subjekt sei, könne es zur Abschaffung der spätbürgerlichen Gesellschaft in ihrem vermeintlich imperialistischem Stadium keine Alternative geben, wenn die Wurzeln des Faschismus wirklich ausgerissen werden sollen. Doch die kommunistische Analyse des Funktionierens faschistischer Herrschaftssysteme ist in ihren Schlussfolgerungen brüchig: Sie ordnet den Faschismus nicht in eine gesamtgesellschaftliche Analyse ein und reduziert ihn auf eine Soziologie der herrschenden Klasse. Aus einer nachweisbaren fehlerhaften Analyse des Faschismus ist aber auch nur eine defizitäre Alternative ableitbar. Doch um welche Alternative handelt es sich? Selbstverständlich lebte die kommunistische Faschismuskonzeption von dem Credo, dass die Sowjetunion das Gesellschaftssystem sei, in dem sich grundsätzlich keine faschistischen Potenziale bilden und akkumulieren können. Mit der Abschaffung kapitalistischer Strukturen sei dessen extremster Depravation gleichsam der Boden entzogen. Mit diesem Enthauptungsschlag fehlten aber möglichen autoritären subjektiven Dispositionen der Bevölkerung jene Verankerung in materiellen Rahmenbedingungen, die sich im Sinne des Faschismus manipulieren ließen. Aber diese Annahme ist historisch widerlegt.

Wenn der Sowjetunion auch das Verdienst zukommt, einen entscheidenden militärischen Beitrag zur Zerschlagung des Faschismus in Europa, speziell in Deutschland, geleistet zu haben, so ist sie heute von der politischen und geographischen Landschaft verschwunden. Ihre Entwicklung von 1945 bis 1990 hat nicht nur gezeigt, dass sich unterhalb der Ebene des offiziellen Antifaschismus erhebliche rechtsradikale Potentiale ausgebildet haben. Im Kern besteht ihr wesentlichstes Resultat darin, dass sie ihren Test als stabile Alternative zu faschistischen Regimen nicht bestehen konnte. Die Gründe sind oft genannt worden. Wer Minoritäten nur um den Preis ihrer politischen Konformität duldet, lässt innovative Potenziale ungenutzt, ohne die eine Gesellschaft stagnieren muss. Dieselbe Konsequenz ergibt sich aus der Unterdrückung individueller Grund- und Menschenrechte. Deren entscheidende Konsequenz ist, dass sie die Talente von Millionen verkümmern lässt. Und schließlich muss sich ein politisches System auf Dauer selbst delegitimieren, das seine Stabilität fast ausschließlich aus der Überwachung der Bevölkerung mit Hilfe gigantischer Sicherheitsapparate ableitet. Wo die freiwillige Loyalität der Masse der Bevölkerung fehlt, haben wir es unter den Bedingungen der Moderne mit strukturell labilen Gesellschaftssystemen zu tun, wie gerade das Beispiel der Sowjetunion zeigt.

Die Alternative zum sowjetmaxistischen Ansatz in seiner Spielart als Sozialfaschismusthese und als Dimitroff-Formel innerhalb der Linken der Zwischenkriegszeit war die bonapartismustheoretische Faschismuskonzeption.6 Sich auf die Marxsche Analyse der 1848er Revolution in Frankreich berufend, nahm sie den Faschismus als dritte politische Kraft zwischen Kapital und Arbeit in dem Maße ernst, wie es ihm gelang, sich vor allem in den Zwischenschichten auf eine veritable Massenbasis zu stützen. Deren Dynamik erschöpft sich in ihrer Sicht nicht auf die Funktion der Stabilisierung des kapitalistischen Systems in der größten Krise seiner Geschichte. Einerseits klärt uns nämlich der bonapartismutheoretische Ansatz darüber auf, dass die »verselbstständigte« Exekutive, also die diktatorische Tendenz, sich vor der Machtübernahme des Faschismus herausbildet. Dieser ist der Nutznießer der Krise der liberalen Demokratie, die immer dann eintritt, wenn aufgrund mangelnder Koalitionsbereitschaft der politischen Parteien das demokratisch gewählte Parlament zur positiven Politikgestaltung unfähig erscheint. Andererseits insistiert zugleich die bonapartismustheoretische Deutung darauf, dass der Faschismus nicht monokausal das Resultat ökonomischer Interessen der imperialistischsten Kreise des Monopolkapitals gewesen sein kann. Von Anfang an verband sie nämlich, wie insbesondere der in Anlehnung an Antonio Gramsci entwickelte Ansatz Nico Poulantzas’ 7 und vor allem Otto Bauers Muster 8 zeigen, das Konzept des »Klassengleichgewichts« mit dem der »Hegemonie«: Diese schließt ökonomische Interessen nicht aus. Aber sie lässt sich auch nicht auf sie reduzieren. »Hegemonie« ist nämlich – jenseits eines ökonomistischen Reduktionismus – ein geistig-psychischer Prozess, der, bestimmte sozio-politische Bedingungen vorausgesetzt, die Massen erfasst und sie in die Richtung der Demokratie, der aktiven Teilhabe am politischen Geschehen, oder in die Arme des Faschismus treibt. Niemand hat diesen strukturellen Zusammenhang gültiger beschrieben und in seine Faschismuskonzeption integriert als der Bonapartismustheoretiker Otto Bauer. Er kann zeigen, dass die Erste Republik Österreichs am weitesten vom Faschismus entfernt war, als unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Habsburger Monarchie die proletarischen Massen der Industriegebiete den Organisationen der Arbeiterbewegung zuströmten und diesen ihren Stempel aufprägten. Unter ihrem hegemonialen Druck war ein Regieren nur mit geistigen Mitteln, nur mit den Mitteln des diskursiven Überzeugens möglich. Jeder Versuch, die Anwendung offener oder latenter Gewalt als die ultima ratio der Politik zu verstehen, wäre zum Scheitern verurteilt gewesen.9 In der Zeit der österreichischen Revolution von 1918/19, so müssen wir Bauer interpretieren, trat das Gegenteil dessen ein, was als Markenzeichen des Faschismus zu gelten hat: Statt die Massen unter propagandistisch-choreografischen Vorzeichen nur in »Form« zu bringen, kamen sie, zumindest temporär, zu ihrem Recht. Kanalisierung ihrer Energien hieß nicht ihre Unterwerfung unter einen »Führerwillen«, sondern ihre Selbstbetätigung im Sinne der Durchsetzung weitgehender sozialer Reformen. Faschismus, so die Botschaft der Bonapartismustheoretiker in ihren sehr unterschiedlichen Akzentuierungen, ist nur möglich, wenn die demokratisch-politischen Kräfte ihre geistig-politische Hegemonie verlieren und reaktionäre und faschistische Ideologien das entstandene Vakuum füllen, für die insbesondere die von der Revolution enttäuschten mittelständischen Massen ansprechbar waren.

Allerdings sind die analytischen Grenzen des bonapartismustheoretischen Ansatzes ebenfalls evident. Wie sich insbesondere am Beispiel des italienischen Faschismus verdeutlichen lässt, setzt er eine staatliche Disziplinierung der anarchischen Kräfte der »Bewegung« voraus: Nur so kann die Arbeitsteilung zwischen dem Primat der faschistischen Diktatur und der sozialen Herrschaft der kapitalistischen Oligarchien wirklich funktionieren. Die in der Verfügung über das Privateigentum an den Produktions- und Arbeitsmitteln gesetzte Systemgrenze des Faschismus vermag sich aber gegenüber dessen Dynamik nur dann aufrechtzuerhalten, wenn die am autoritären Rechtsstaat orientierten traditionellen Eliten als effektives Gegengewicht zu ihrem faschistischen Bündnispartner stabil bleiben. Das war in Italien weitgehend der Fall; in Deutschland jedoch wurde die bürgerliche Gegenmacht um so brüchiger, je länger das nationalsozialistische Regime andauerte. Zwar fungierte der alte preußische Staat zumindest im Reichsgebiet noch immer als ordnende Instanz der gesellschaftlichen Prozesse. Aber unübersehbar war auch, dass er zunehmend geschwächt wurde durch die Infiltration nationalsozialistischer Elemente. Die katastrophalen Folgen, auf die als erste exilierte Autoren wie Otto Kirchheimer und Franz Neumann hinwiesen, waren evident.10 In dem Maße, wie das »Recht« des autoritären Ordnungsstaates sich in eine Fülle technischer Regeln und auf den Einzelfall bezogener Maßnahmen auflösten, entwickelte sich eine dezisionistische Dynamik, welche, durch rivalisierende Machtakkumulation der wichtigsten Herrschaftsträger in Partei, Großindustrie, Staat und Armee verschärft, sich im Unterschied zum italienischen Faschismus zunehmend von den Reproduktionsbedingungen der Gesellschaft des Dritten Reiches lösten.

Der »Leviathan«, das Leitbild der konservativ-autoritären »Ordnungskräfte «, mutierte zum »Behemoth«, zum Symbol der anarchischen und selbstdestruktiven Kräfte der »Bewegung«. Martin Broszat und Hans Mommsen konnten in diesem Zusammenhang zeigen, dass die mangelnde eigene Substanz des Nationalsozialismus zur Integration der negativ pluralisierten Gesellschaft den Zwang generierte, in dem von Kirchheimer und Neumann analysierten normenlosen Raum des »Behemoth« die Vernichtung der Juden nicht nur zu propagieren, sondern am Ende auch tatsächlich durchzuführen, wie chaotisch und durch kontingente Umstände gebrochen auch immer der Weg zu diesem größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit gewesen sein mochte.11 Eine Alternative zum Faschismus, so lehrt uns der konflikttheoretische Ansatz, kann nur ein solches politisches System sein, das kompromisslos an den emanzipatorischen Errungenschaften des Rechtsstaates mit seinen unantastbaren Grund- und Menschenrechten festhält und allen Tendenzen widersteht, das Recht zu einer technischen Maßnahme zu reduzieren, die unter rein funktionalistischen Prämissen ihren Erfolg oder Misserfolg misst. So gesehen, war es eine der deprimierendsten Erfahrungen der faschistischen Regime, dass eben jene bürgerliche Klasse, die einst in der Frühen Neuzeit die freiheitlichen Errungenschaften des Rechtsstaates gegen absolutistische und feudale Willkür erkämpft hatte, zumindest in großen Teilen Europas die Bedingungen mit schuf, unter denen sie im Faschismus destruiert wurden.

Obwohl die Ursprünge des konflikttheoretischen Ansatzes einer Faschismusanalyse in die 1930er und 1940er Jahre zurückreichen, stand er bis Ende der 1960er Jahre im Schatten der identifizierenden Totalitarismustheorie. Dieser gelang es in der Zeit des Kalten Krieges, eine normativ-legitimatorische Kraft zu entfalten, die bis auf den heutigen Tag nachwirkt und im Kontext des Zusammenbruchs der realsozialistischen Staaten eine deutliche Konjunktur erlebte. Die einfache Gleichsetzung von stalinistischer Sowjetunion und dem Dritten Reich ist selbst von Friedrich und Brzezinski relativiert worden, wenngleich sie genügend gemeinsame Merkmale ausmachen zu können glaubten, um wenigstens von einer Gleichartigkeit zu sprechen: Sie erlaube es, beide Regime unter den Titel des Totalitarismus zu subsumieren.12 Gewiss ist in empirisch-analytischer Hinsicht sowohl Friedrich/Brzezinski als auch Hannah Arendts strukturelle Beschreibung der stalinistischen Sowjetunion und des Dritten Reiches 13 zuzustimmen, wenn man deren Identität auf die Fokussierung neuartiger Herrschaftsmethoden einschränkt. Auf wissenschaftlich- industriellem Niveau angesiedelt, hat in der Tat die Weltgeschichte bisher nicht solche Propaganda-, Überwachungsund Unterdrückungsapparate erlebt, wie sie die Sowjetunion unter Stalin mit ihrem System der Gulags und der gnadenlosen Verfolgung und Liquidierung so genannter »innerer Feinde« und das Dritte Reich unter Hitler mit seinen Konzentrations- und Vernichtungslagern und der Durchführung eines Genozids im industriellen Maßstab hervorbrachten. Aber die Hegemonie der Totalitarismustheorie gründete in ihrer normativ-legitimatorischen Funktion. Wie keine andere Faschismuskonzeption verdankte sie ihre massenhafte Akzeptanz dem Umstand, dass sie explizit in Gestalt ihres spiegelbildlich zugeschnittenen Gegenbildes der Pluralismustheorie als soziopolitische Alternative zu den antindividualistischen, die Freiheit der Einzelnen zerstörenden rechten und linken Totalitarismen auftrat.

Doch nach dem Ende der faschistischen Diktatur in Italien und Deutschland war sie einer eigenartigen Metamorphose unterworfen. Da die westliche Welt sich nun nur noch einer Bedrohung, nämlich der Konfrontation mit den realsozialistischen Staaten jenseits des »Eisernen Vorhanges«, ausgesetzt sah, blieben nur die Sowjetunion und ihre Satelliten als ernst zu nehmende Feindbilder übrig. Den ehemaligen Anhängern des Faschismus bot die Totalitarismustheorie nun aber die Möglichkeit, sich in die liberale Demokratie zu »integrieren « und ihre Verstrickung mit dem verbrecherischen System des Dritten Reiches zu »neutralisieren«. Damit waren einer Demokratisierung des liberalen Regierungssystems enge Grenzen gesetzt. Im Zuge eines militanten Antikommunismus konnten alle linken, d. h. der Demokratie zuneigenden Positionen als die fünfte Kolonne Moskaus ausgegrenzt und stigmatisiert werden. Zugleich sahen sich Modelle einer reduzierten Demokratie bestätigt, welche den Demos weitgehend aus dem politischen Geschehen heraushalten wollten. Nicht zufällig begann parallel zum Aufstieg der Totalitarismustheorie die Hegemonie der Demokratietheorie Schumpeters.14 Sein Modell der Konkurrenzdemokratie reduzierte die Rolle des Demos auf den Akt der Wahl zirkulierender Eliten. Aber waren es nicht gerade die herrschenden Eliten der liberalen Demokratie gewesen, die in Italien und Deutschland dem Faschismus zur Macht verhalfen?

Mit dieser Frage ist übergeleitet zum empirisch-analytischen und normativ-legitimatorischen Standort der Modernisierungstheorie im Gesamtszenario der Faschismuskonzeptionen. Auch sie ist – wie die Totalitarismustheorie – affirmativ auf die westliche Industriegesellschaft, insbesondere auf die Weltmachtrolle der USA, bezogen. Als wissenschaftliches Instrumentarium bei der Faschismusanalyse erscheint sie nur dann tauglich, wenn man von ihrem imperialistischen Überlegenheitsanspruch 15 abstrahiert und Modernisierung als eine selbstreflexive Aufklärung begreift, die ihre eigene Gefährdung durch rationalistische Totalisierungen erkennt und an ihren universalistischen Emanzipationspostulaten festhält. Auf eine kurze Formel gebracht, lässt sich sagen, dass der Faschismus einerseits die Konsequenz einer defizitären Modernisierung, andererseits aber auch als treibende Kraft derselben interpretiert worden ist. Die erste Auslegungsvariante 16 hebt auf die Tatsache ab, dass der Faschismus nur in einer solchen Gesellschaft aufgrund endogener Faktoren an die Macht kommen konnte, in der es eine bürgerliche Revolution nicht gegeben hat oder gescheitert ist. Tatsächlich haben sich westliche Staaten wie die USA, Großbritannien und Frankreich sowohl im Blick auf die Eliten als auch hinsichtlich der Massen weitgehend immun gegenüber der faschistischen Lösung der aus der Weltwirtschaftskrise resultierenden sozio-politischen Probleme gezeigt. In den Länder aber, in denen – wie vor allem in Deutschland – der Nationalstaat nicht von unten, von den Massen gewollt und den Eliten demokratisch legitimiert, erkämpft wurde, hatte der Faschismus eine Chance.

Wenn diese Variante der faschismusanalytischen Modernisierungskonzeption eine hohe Plausibilität für sich reklamieren kann, so erscheint die Deutung der zweiten Auslegungsvariante des Faschismus als Modernisierungsinstanz in einem ambivalenten Licht: Wenn z. B. Ralf Dahrendorf die These entwickelte, der Nationalsozialismus habe durch die politische Entmachtung des Adels im Zuge der Niederschlagung des Widerstandes gegen Hitler 1944 ungewollt die Voraussetzung der liberalen Demokratie der BRD ab 1949 geschaffen, wertet er ihn objektiv auf. 17 Die fortgeschrittensten Spielarten dieses Ansatzes konzedieren dem deutschen Faschismus eine Modernisierung seiner industriellen Mittel, nicht aber seiner Ziele.18 Andere Autoren tragen plausible Argumente vor, dass der Faschismus, parasitär von der Substanz seiner bürgerlichen Herkunftsgesellschaft lebend, Modernisierung nur propagandistisch vorgetäuscht habe.19 In jedem Fall wird jedoch gesagt werden können, dass das Verhältnis des Faschismus zur Modernisierung zwiespältig ist: Sofern diese sich ökonomisch und sozio-politisch durchgesetzt hat, scheint die Faschismusgefahr weitgehend gebannt zu sein. Setzt sich aber ausschließlich die ökonomische und technische Modernisierung durch, ohne sie durch eine tief greifende Demokratisierung und Liberalisierung in Gestalt einer politischen Zivilgesellschaft zu korrigieren, sind faschistische Potentiale vor allem dann nicht auszuschließen, wenn soziale und wirtschaftliche Krisen das Gesamtsystem bedrohen. So gesehen, ist der Schluss unausweichlich, dass die Faschismusgefahr in dem Maße steigt, wie die Modernisierungsprozesse auf halbem Weg ins Stocken geraten. Sie spielen dann modernste Technik in die Hände derer, deren Mentalitäten vorzivilisatorischen Leitbildern einer sozialdarwinistisch ausgelegten völkischen Rassenideologie folgen.

Was haben die geistesgeschichtlichen Faschismuskonzeptionen den bisher diskutierten Ansätzen entgegenzusetzen? Wie weit reicht ihre Kritik am nationalsozialistischen Herrschaftssystem? Gibt es eine Grenze der Distanzierung, die sich an den Rändern gemeinsamer Schnittmengen verdeutlichen lässt? Die Historiker Friedrich Meinecke und Gerhard Ritter setzten den Nationalsozialismus mit dem Einbruch eines dämonischen Prinzips in die deutsche Geschichte gleich. Deren Personalisierung in Gestalt Adolf Hitlers habe, das Zeitalter der Massendemokratie im Rücken, den Bruch mit der sich bis dahin normal entwickelnden deutschen Staatlichkeit bewirkt. Durch diese Ontologisierung der sozio-politischen Ursachen des Dritten Reiches wird in letzter Instanz die deutsche Katastrophe als unabwendbares Verhängnis gedeutet, das unter der Hand durch punktuelle Kontinuitäten mit dem konservativ-antiemanzipatorischen Standort dieser Autoren verbunden ist. So gibt Meinecke den Juden zumindest eine Teilschuld an ihrem Schicksal im Dritten Reich, weil sie die im Rahmen ihrer Emanzipation Negatives und »Zersetzendes« zur »Entwertung und Diskreditierung der liberalen Gedankenwelt« 20 seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beigetragen hätten. Und bei Ritter ist kein Wort der Kritik an Carl Goerdeler nachzulesen, wenn dieser in seinen Deutsch-landplänen die von Hitler usurpierten Gebiete in Österreich 21 in der Zeit nach dem Nationalsozialismus beibehalten und die »neue« Demokratie – unter strikter Ablehnung des westlichen Parlamentarismusmodells 22 – an den kommunalpolitischen Vorstellungen des Freiherrn vom Stein ausrichten wollte.23 Allerdings forderte Meinecke die Deutschen auf, den Machtstaatsgedanken zu verabschieden und, orientiert an kleinen Nationen wie Schweden, der Schweiz und den Niederlanden 24, unter der Hegemonie der Siegermächte einer Föderation mittel- und westeuropäischer Länder beizutreten.25

Helmuth Plessner und Ernst Nolte dagegen sahen den Nationalsozialismus eher in der Kontinuität der deutschen Geschichte, weil er Ausfluss der in ihr angelegten historischen Möglichkeiten war. Aber sie ziehen aus diesem Befund sehr unterschiedliche Konsequenzen. Nolte leugnete zwar nicht die »dunklen Seiten« des Nationalsozialismus, aber er ist bestrebt, dessen positive Intentionen herauszustellen. Bereits in seiner frühen Studie angelegt 26, vertritt er im Historikerstreit die These, der faschistische Terror der Nazis sei lediglich eine Reaktion auf den roten Terror der Bolschewiki.27 Wenn es also den sowjetischen Kommunismus an der Macht nicht gegeben hätte, so wäre uns nach dieser Lesart der Faschismus erspart geblieben. Da die Oktoberrevolution nun einmal stattgefunden hat, so müssen wir diese Logik weiterführen, war die notwendige Konsequenz der faschistische Vernichtungswille als Reaktion auf die tödliche Bedrohung des Bürgertums. Damit wiederholt Nolte das bereits aufgezeigte Dilemma der identifizierenden Totalitarismustheorie, die, wie gezeigt, nach 1945 vielen Nazis die Möglichkeit bot, ihre Verstrickung in das verbrecherische System des Faschismus im Zeichen eines militanten Antikommunismus zu rehabilitieren. Plessner forderte demgegenüber insbesondere von den Eliten ein radikales Umdenken im Sinne einer selbstreflexiven Aufklärung. Deutschland wird ihm zufolge nur dann eine humane Zukunft haben, wenn es gelingt, den Anschluss an die emanzipatorischen Traditionen und Werte des Westens zu gewinnen und den hybriden Nationalismus des Faschismus dadurch zu überwinden, »daß wir Klarheit über das Geschick unserer verspäteten Nation (...) gewinnen. Wer in diesem Sinne historische Psychoanalyse treibt, indem er versucht, zu den Quellen seiner eigenen Existenz zurückzufragen und sich mit sich als Nation zu konfrontieren, wird die vergiftende Wirkung, die von den ungehobenen historischen Komplexen ausgeht, entkräften«.28 Helmuth Plessner kommt damit das Verdienst zu, jenen Bestrebungen in der Bundesrepublik Deutschland den Weg geebnet zu haben, die vor allem in der politischen Bildung eine um das Dritte Reich zentrierte kritische Erinnerungskultur etablieren konnten. Als jüngstes Beispiel möchte ich das Stelendenkmal in Berlin erwähnen, das dem Gedenken an den Holocaust gewidmet ist.

Wie man sieht, sind die vorwiegend geistesgeschichtlichen Deutungen des Faschismus von Geschichtspolitik nicht immer zu trennen. Aber der Faschismus ist auch nicht zu erklären, wenn man seine gemeinsame Schnittmenge mit den im Unterbewussten wirkenden psychischen Kräften der Individuen und Kollektive ignoriert. Wilhelm Reich war einer der ersten Psychoanalytiker, der insbesondere auf die Schere der sozio-politischen Lage der Mittelschichten – die eher eine Wende nach links nahe legte – und der tatsächlichen ideologischen Orientierung hinwies, die dem deutschen und italienischen Faschismus eine Massenbasis verschaffte.29 Erich Fromm zeigte am Beispiel des deutschen Faschismus, dass Massen bereit sein können, auf eines der höchsten Güter der westlichen Zivilisation, die persönliche Freiheit, zu verzichten, um sich freiwillig einer gnadenlosen Diktatur zu unterwerfen, die jede freiheitliche Regung im Ansatz zu ersticken sucht.30 Franz Neumann wies auf die sozio-politischen und wirtschaftlichen Bedingungen hin, unter denen hilflos gewordene und desorientierte Massen der charismatischen Aura eines Führers erliegen, und zwar auch dann, wenn er längst nicht mehr den Nimbus des Erfolges für sich reklamieren kann. Er machte schon sehr früh deutlich, dass insbesondere die Juden und ihre Verfolgung herhalten mussten für die kumulative Radikalisierung der nationalsozialistischen Massenbasis im Dritten Reich.31 Und Klaus Theleweit verdeutlichte die psychischen Strukturen jener Freikorpsmentalität, ohne die der unbedingte faschistische Vernichtungswillen gegenüber seinen wirklichen oder auch nur imaginierten Feinden nicht zu erklären ist.32 Der psychoanalytische Ansatz lehrt uns also, dass erst mit dem Wegfall der autoritären Erziehung eine wesentlicher Faktor der subjektiven Entstehungsbedingungen des Faschismus der Boden entzogen ist.

Aber diese sozialpsychologischen Ansätze verdeutlichen zugleich, dass sie auf objektivistische Konzeptionen ihrerseits angewiesen sind wie umgekehrt auch. Konzeptionen, die sich nur auf die sozio-ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen des Faschismus konzentrieren, neigen dazu, die Tatsache auszuklammern, dass der Faschismus ein Produkt von Menschen gewesen ist, die sich in ihrem krisenhaften Bewusstsein mit ihm psychisch, geistig und auch intellektuell identifizierten, weil sie von ihm die Lösung ihrer privaten und kollektiven Probleme erwarteten. Umgekehrt können sie aber nicht erklären, warum bei ähnlichen psychischen Dispositionen mittelständischer Schichten wie in Deutschland und Italien in anderen hochindustrialisierten Ländern der Faschismus nicht nur nicht an die Macht gekommen ist. In den westlichen Industrieländern schwoll er nicht einmal zu einer politisch ernst zu nehmenden Massenbewegung an. Diese Frage ist nur beantwortbar, wenn sozialpsychologische Ansätze Erkenntnisse assimilieren, die aus dem bonapartimus-, dem konflikt-, dem totalitarismus- und dem modernisierungstheoretischen Ansatz folgen. Die bisherige Forschung ist weit davon entfernt, ein solches integratives Faschismusmodell, das die Lagergrenzen überwindet, entwickelt oder gar empirisch erprobt zu haben. Wenn diese Ausführungen gezeigt haben sollten, dass ein solches Programm dennoch unverzichtbar ist, weil eine fachspezifische Reduktion des Faschismus seiner Verharmlosung – wenn auch nur unbewusst – Vorschub leistet, hätten sie ihr selbst gestecktes Ziel erreicht.

III.

Aber ebenso wichtig wie die korrekte analytische Durchdringung des faschistischen Syndroms sind die aus den hier diskutierten Ansätzen folgenden Kriterien, die eine Gesellschaft erfüllen muss, wenn sie sich gegenüber Faschisierungstendenzen immunisieren will. Allerdings wäre es zu kurzschlüssig, würde man faschismustheoretische Ansätze auf das Ziel reduzieren, sie eins zu eins auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Konstellationen zu übertragen und daraus Schlüsse über aktuelle Faschismuspotentiale abzuleiten. Viel weiterführender ist die Frage, inwiefern im Licht der historischen Faschismustheorien diese uns darüber aufklären, worin sich die sozio-politische Situation heute von der nach dem Ersten Weltkrieg unterscheidet. Die Ergebnisse einer solchen Komperatistik liegen auf der Hand: In objektiver Hinsicht ist durch die Einbindung der beiden Kernländer des Faschismus – Italien und Deutschland – in die Europäische Union, die außenpolitische Grundlage eines extremen Nationalismus zerstört; eine politische Tatsache, die neben dem Ausgleich der Bundesrepublik mit Frankreich zu den großen politischen Leistungen des 20. Jahrhunderts gehört. Auch die Klassenkonstellation hat sich in Italien und Deutschland im Vergleich zum Ersten Weltkrieg grundlegend geändert. Zwar ist auch heute im Zuge des Neoliberalismus die Mittelschicht in den westlichen Ländern einem Erosionsprozess unterworfen. Doch die harte Klassenkonfrontation, artikuliert durch einen kämpferischen Marxismus, entfällt in dem Maße, wie massive Individualisierungsprozesse ihr den Boden entziehen. Zwar existiert der Antisemitismus in Deutschland nach wie vor. Aber eine intensiv betriebene Erinnerungspolitik, die die Verbrechen der Nazis aufarbeitet und stigmatisiert, hat große Teile der Bevölkerung und der Eliten nachhaltig sensibilisiert. Und vor allem: Die kapitalistischen Oligarchien in Deutschland agieren heute nicht mehr national, sondern global.

Dennoch wird der Faschismus im 21. Jahrhundert erst dann dauerhaft vermieden werden können, wenn die liberale Demokratie ihre Funktionsfähigkeit bewahrt. Diese ist aber nur insofern gewährleistet, wie die Souveränität des Demos, vermittelt über Wahlen etc., gewahrt bleibt. Zugleich dürfen die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Eliten sich nicht nach unten abschotten und zu Oligarchien depravieren. Gleichzeitig müssen die politischen Parteien auch in Krisenzeiten unbeirrt auf einem demokratischen Regelkonsens beharren und ihren Wählern genuine Alternativen anbieten, die deren wirklichen Interessen entsprechen. Es versteht sich auch von selbst, dass der gesamtgesellschaftliche Wert der Gleichheit nicht durch Kräfte ausgehebelt werden darf, die für sich ein höheres Recht im Namen einer Ethnie oder Religion gegenüber dem Rest der Gesellschaft reklamieren: Es ist also ein hoher Grad der Säkularisierung der Gesellschaft zu unterstellen, ohne den es keine funktionierende civil society als Alternative zum Faschismus geben kann. Und schließlich muss die Prämisse in der Gesamtgesellschaft verankert sein, dass der Bürger mündig ist, d. h. über ein Mindestmaß an rationaler Urteilskraft verfügt. Diesen Kriterien hat eine in den Massen verankerte subjektive Disposition zu entsprechen, die sich auch dann den Zugang zur Vernunft nicht verbauen lässt, wenn sie unter dem Druck individueller und sozialer Konflikte steht. An die Stelle sado-masochistischer Charakterstrukturen müssen solche Orientierungen treten, die sich dem Problem verdrängter Triebenergien stellen, ohne diesen Prozess gesellschaftlich zu tabuisieren. Ein korrigierendes Zusammenspiel permanenter Kritik und Selbstkritik an sich selbst und der Gesellschaft, ihre faschistische Vergangenheit mit inbegriffen, könnte erreichen, dass beide in einer entscheidenden Perspektive konvergieren: sich auf einen konstruktiven Zustand hinbewegen zu wollen, der – gemessen an dem Stand der jeweils erreichten materiellen Verhältnisse – das historisch mögliche Glück aller erreicht und das Elend, das der Mensch dem Menschen zufügt, auf ein geschichtlich mögliches Minimum reduziert.

Es ist leicht, dieses Modell als eine »Utopie« abzutun. Aber was wäre gewonnen, wenn wir auf ein solches regulatives Prinzip verzichteten?

Literatur
Hannah Arendt: Ideologie und Terror. Eine neue Staatsform, in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hrsg.): Wege der Totalitarismusforschung, Darmstadt 1974, S. 133-167.
Otto Bauer: Die Österreichische Revolution, Wien 1923.
Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen?, in: ders., Werkausgabe, Bd. 4, Wien 1976, S. 49-331.
Franz Borkenau: Zur Soziologie des Faschismus, in: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus, 6. Auflage, Königstein/Ts. 1984, S. 156-181.
Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, 11. Auflage, München 1986.
Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung in Polen«, Hamburg 1993.
Carl Joachim Friedrich, Zbigniew Brzezinski: Die allgemeinen Merkmale der totalitären Diktatur (1965), in: Seidel/Jenkner, a. a. O., S. 600-617.
Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965.
Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. Aus dem Englischen von Liselotte und Ernst Mickel, 12. Auflage, München 2005.
Primo Levi: Ist das ein Mensch?, München 1992. Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, Berlin 1953.
Friedrich Meinecke: Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, 2. Auflage, Wiesbaden 1946.
Hans Mommsen: Hitlers Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, in: Gerhard Hirschfeld, Lothar Kettenacker (Hrsg.): Der »Führerstaat«: Mythos und Realität. Studien zur Struktur und Politik des Dritten Reiches, Stuttgart 1981, S. 43-72.
Franz Neumann: Angst und Politik, in: Ders.: Demokratischer und autoritärer Staat. Beiträge zur Soziologie der Politik, Frankfurt/M. 1967, S. 184-214.
Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action Francaise, Italienischer Faschismus, Nationalsozialismus, 5. Auflage, München/Zürich 1979.
Talcott Parsons: Beiträge zur soziologischen Theorie, Neuwied/Berlin 1968.
Helmuth Plessner: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes (1935/1959), in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt am Main 1982, S. 7-223.
Nicos Poulantzas: Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus. Übersetzung aus dem Französischen und deutsche Bearbeitung v. Hartmut Mehringer, München 1973.
Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus, 2. Auflage, Kopenhagen/Prag/Zürich 1934.
Gerhard Ritter: Europa und die deutsche Frage. Betrachtungen über die geschichtliche Eigenart des deutschen Staatsdenkens, München 1948.
Richard Saage: Demokratietheorien. Historischer Prozess – Theoretische Entwicklung – Soziotechnische Bedingungen, Wiesbaden 2005.
Richard Saage: Faschismus. Konzeptionen und historische Kontexte. Eine Einführung, Wiesbaden 2007.
David Schoenbaum: Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches, Köln/Berlin 1968.
Klaus Theweleit: Männerphantasien, 2 Bände, München/Zürich 2005.
Henry Ashby Turner: Faschismus und Antimodernismus, in: Ders.: Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Gabriele Neitzert, 2. Auflage, Göttingen 1980, S. 157-182.
Hans-Ulrich Wehler: Modernisierungstheorie und Geschichte. Göttingen 1975.


Richard Saage – Jg. 1941, Prof. Dr.; seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls »Politische Theorie und Ideengeschichte « am Institut für Politikwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Studium der Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie und Soziologie. Unter anderem Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter »Utopieforschung – Eine Bilanz« sowie »Vermessungen des Nirgendwo – Begriffe, Wirkungsgeschichte und Lernprozesse der neuzeitlichen Utopien«. Zuletzt in UTOPIE kreativ: Renaissance der Utopie?, Heft 201/202 (Juli/August 2007).

1 Vortrag, den der Autor am 14. März an der Slowenischen Akademie der Wissenschaften in Ljubljana gehalten hat und basiert auf seinem 2007 erschienenen Buch »Faschismus. Konzeptionen und historische Kontexte«.

2 Vgl. Richard Saage: Faschismus. Konzeptionen und historische Kontexte. Eine Einführung, Wiesbaden 2007.

3 Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung in Polen«, Hamburg 1993, S. 244.

4 Primo Levi: Ist das ein Mensch?, München 1992.

5 Vgl. Saage, a. a. O., S. 24-48.

6 Vgl. Saage, a. a. O., S. 49-73.

7 Vgl. Nicos Poulantzas: Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus. Übersetzung aus dem Französischen und deutsche Bearbeitung v. Hartmut Mehringer, München 1973, S. 62, 87 f., 96.

8 Vgl. Otto Bauer: Zwischen zwei Weltkriegen?, in: Ders., Werkausgabe, Bd. 4, Wien 1976, S. 49-331, S. 137-151.

9 Vgl. Otto Bauer: Die Österreichische Revolution, Wien 1923, S. 182-195.

10 Vgl. Saage, a. a. O., S. 74-84.

11 Vgl. Hans Mommsen: Hitlers Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, in: Gerhard Hirschfeld, Lothar Kettenacker (Hrsg.): Der »Führerstaat«: Mythos und Realität. Studien zur Struktur und Politik des Dritten Reiches, Stuttgart 1981, S. 43-72; Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, 11. Auflage, München 1986.

12 Vgl. Carl Joachim Friedrich, Zbigniew Brzezinski: Die allgemeinen Merkmale der totalitären Diktatur (1965), in: Bruno Seidel, Siegfried Jenkner (Hrsg.): Wege der Totalitarismusforschung, Darmstadt 1974, S. 600-617.

13 Vgl. Hannah Arendt: Ideologie und Terror. Eine neue Staatsform, in: Seidel/Jenkner, a. a. O., S. 133-167.

14 Vgl. Saage, a. a. O., S. 246-252.

15 Vgl. Hans-Ulrich Wehler: Modernisierungstheorie und Geschichte. Göttingen 1975, S. 11-13.

16 Vgl. Talcott Parsons: Beiträge zur soziologischen Theorie, Neuwied/Berlin 1968; Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft, Berlin 1953; Franz Borkenau: Zur Soziologie des Faschismus, in: Ernst Nolte (Hrsg.): Theorien über den Faschismus, 6. Auflage, Königstein/Ts. 1984, S. 156-181.

17 Vgl. Ralf Dahrendorf: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965.

18 Vgl. David Schoenbaum: Die braune Revolution. Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches, Köln/ Berlin 1968; Henry Ashby Turner: Faschismus und Antimodernismus, in: ders.: Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Übersetzung aus dem Amerikanischen von Gabriele Neitzert, 2. Auflage, Göttingen 1980, S. 157-182.

19 Vgl. Saage, a. a. O., S. 143-149.

20 Friedrich Meinecke: Die deutsche Katastrophe. Betrachtungen und Erinnerungen, 2. Auflage, Wiesbaden 1946, S. 29.

21 Vgl. Gerhard Ritter: Europa und die deutsche Frage. Betrachtungen über die geschichtliche Eigenart des deutschen Staatsdenkens, München 1948, S. 313.

22 Vgl. ebenda, S. 299.

23 Vgl. ebenda, S. 301.

24 Vgl. Meinecke, a. a. O., S. 162.

25 Vgl. ebenda, S. 151.

26 Vgl. Saage, a. a. O., S. 170-177.

27 Ernst Nolte: Der Faschismus in seiner Epoche. Action Francaise, Italienischer Faschismus, Nationalsozialismus, 5. Auflage, München/Zürich 1979, S. 33.

28 Helmuth Plessner: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes (1935/ 1959), in: Ders.: Gesammelte Schriften, Bd. IV, Frankfurt/M. 1982, S. 260.

29 Vgl. Wilhelm Reich: Massenpsychologie des Faschismus, 2. Auflage, Kopenhagen/Prag/Zürich 1934.

30 Vgl. Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. Aus dem Englischen von Liselotte und Ernst Mickel, 12. Auflage, München 2005.

31 Vgl. Franz Neumann: Angst und Politik, in: Ders.: Demokratischer und autoritärer Staat. Beiträge zur Soziologie der Politik, Frankfurt/M. 1967, S. 184-214.

32 Vgl. Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd. I u. Bd. II, München/Zürich 2005.

in: UTOPIE kreativ, H. 215 (September 2008), S. 773-784

aus dem Inhalt:
Essay RICHARD SAAGE: Faschismustheorien. Ihre Bedeutung für die Forschung und die politische Bildung Utopiedebatte GÜNTER WIRTH: Über konkrete und evangelische Utopien. Siegfried Wollgast zum 75. Geburtstag Gesellschaft, Analysen & Alternativen ULRICH BUSCH: Finanzmarktkrise und Finanzmarktkapitalismus; JÖRG ROESLER: Zwei Währungsreformen im besetzten Deutschland. Konzepte und Korrekturen) Programmdiskussion THOMAS PHILIPP: Pragmatische und normative Grundlagen der Linken Festplatte WOLFGANG SABATH: Die Wochen im Rückstau Bücher & Zeitschriften Carola Schramm, Jürgen Elsner: Dichtung und Wahrheit. Die Legendenbildung um Ernst Busch (WILFRIEDE OTTO); Annelies Laschitza: Die Liebknechts. Karl und Sophie – Politik und Familie (THEODOR BERGMANN); August Bebel: Die moderne Kultur ist eine antichristliche. Ausgewählte Reden und Schriften zur Religionskritik. (RALPH METZGER); Hans-Jürgen-Krahl-Institut (Hrsg.): Praktischer Sozialismus – Antwort auf die Krise der Gewerkschaften, (ERK WERNER); Matthias Brosch u. a. (Hrsg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland (PETER ULLRICH) Summaries