Die Parallelgesellschaft - sie gibt es längst

Eine notwendige Bestandsaufnahm

Peter Löwisch in LinksNet.de (28.04.2006)

Dies ist eine notwendige Bestandsaufnahme, denn es gibt sie längst-die Parallelgesellschaft. Nur wenn wir das auch benennen(auch die negativen Dinge,lässt sich diese Situation zum positiven verände

Nachdem die Öffentlichkeit voyeuristisch die Geschehnisse um die Rütli Schule in Berlin zur Kenntnis nimmt und auf Grund der Berichterstattung mal wieder sagen kann "typisch Ausländerkinder", werden die Versäumnisse der so genannten Integrationspolitik nur allzu deutlich. Und wenn auch viele es nicht gerne hören, die von allen Seiten ungewünschte Parallelgesellschaft hat sich in der BRD längst entwickelt. Vor allem die türkische Community hat sich parallel zu der deutschen entwickelt. Es existiert ein komplettes System, mit dem auch ohne deutsche Hilfe gelebt werden kann. Waren es in den ersten Jahren nur die Döner Kebab Läden, so ist die türkischstämmige Wirtschaft mittlerweile hoch entwickelt. Vom Kioskbesitzer über den Lebensmittelhändler, den Juwelier bis hin zur türkischen Bank und diverse Großhändler. Auch türkische Unternehmerverbände sind Normalität. Es gibt reine türkische Diskotheken, in die keine deutschen Besucher gehen. Die türkische Community ist, seien wir ehrlich, vollständig autark. Und das auch bei den negativen Seiten einer Gesellschaft. Türkisch geführte Bordelle, Securityservices und Nachtclubs sind Normalität und auch im Drogenmilieu sind türkischstämmige Jugendliche wie auch deutsche anzutreffen.
Das alles könnte ein Weg zur deutschen Normalität sein, könnte positive Signale hin zu einer interkulturellen Gesellschaft sein, wären nicht die bisher nicht bereinigten Versäumnisse weiterhin an der Tagesordnung. Migranten, und hier an erster Stelle Migranten aus der Türkei, sind weiterhin ein nicht gleichgestellter Teil dieser Gesellschaft. Denn noch immer gilt, gleiche Rechte wie Deutsche nur bei EU Bürgern und auch das nur weil es die Vereinbarungen vorsehen. Wäre es nicht europäisches Recht, auch die EU Bürger hätten kein kommunales Wahlrecht hier in der BRD. Doch so nicht bei Menschen aus der Türkei. Zwar bilden sie den größten Teil der Migranten in der BRD, aber politische Teilhabe haben sie längstens nicht. Jede Bundesregierung hat sich bisher erfolgreich entgegen den Ratschlägen der Wissenschaft gegen auch nur partielle Gleichberechtigung gewehrt. Und hierin haben sich die bürgerlichen Parteien im Bundestag quer durch die Lager immer gut verstanden. Deutsche Politiker, wie der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, haben mit Bemerkungen wie "sie sollen Deutscher werden oder wieder nach Hause gehen" Türken immer wieder daran gehindert, sich mit dieser Gesellschaft zu identifizieren. Und die Regelung, dass auch hier geborene Kinder mit türkischer Staatsbürgerschaft ein Visum zur Einreise benötigen, war nicht gerade ein Signal des Willkommens einer Aufnahmegesellschaft. Gerade die hier geborenen Jugendlichen haben das verstanden als einen Unwillen der deutschen Gesellschaft sich hier heimisch fühlen zu können. Zumindest wurde mir das von vielen Jugendlichen gesagt. Hinzu kommt die überproportionale Arbeitslosigkeit bei Migranten, die insbesondere die Jugendlichen trifft. Dabei ist es größtenteils egal, ob sie gute deutsche Sprachkenntnisse haben oder nicht. Und genau diese Jungendlichen sind es, die sich nicht als Teil der Gesellschaft sehen, in der sie leben. Und da auch sie, und das ist völlig verständlich, am Wohlstand teilhaben möchten, so wie ihre deutschen Altergenossen auch, geraten sie sehr schnell auf die schiefe Ebene des "schnellen Geldes". Dann können auch sie sich ein Auto leisten, dass angesagte Handy, die schicke Uhr oder das Goldkettchen. Dadurch nähren wir uns immer mehr Zuständen, wie sie in der Bronx herrschen. Die unterpriviligierten Jugendlichen verdienen durch "Schmiere stehen" oder durch "Botengänge" beim Drogenhandel mehr, als sie durch Aushilfsarbeiten, falls sie sie überhaupt bekommen, jemals verdienen können. Und wie in der Bronx gibt es mittlerweile auch in den Ghettos der Ballungsgebiete feste Gangs, die ganze Straßenzüge beherrschen und in die sich keiner einer anderen Gang traut. Als mir bekanntes Beispiel dient in Köln der Ossendorfer Weg. Hier kommt auch die Polizei nur mit drei Streifenwagen hin. Das Sagen haben hier türkische junge Erwachsene der Türsteherszene aus Köln. Zustände, wie sie nicht nur in Köln existieren, gehen am Bewusstsein der deutschen Bevölkerung vorbei. Und auch im Bereich des Glaubens haben Muslime nie die Gelegenheit gehabt, sich hier in der Bundesrepublik heimisch zu fühlen. Wen kann es denn dann wundern, dass sich der Zugang zum Glauben weitaus traditioneller gestaltet, als je im Heimatland sich gestaltet hätte. Es ist ja kein Geheimnis, dass sich Traditionen in einer Diaspora sehr viel länger und gefestigter halten, als es sonst der Fall wäre. Das hat es in Deutschland gegeben, wo in einer evangelischen Diaspora die Menschen sehr viel konservativer ihren Glauben lebten als es in einer evangelischen Umgebung der Fall gewesen wäre. Noch heute gibt des deutsche Enklaven, z.B. in Brasilien, in den die dort lebenden Menschen ihr Deutschsein sehr strikt leben, mehr als es Deutsche hier in der BRD tun. Und je feindlicher die Umwelt empfunden wird, desto traditioneller bleibt man. Das ist dann auch ein Teil eines Überlebensmechanismus. Und in der Umwelt der deutschen Aufnahmegesellschaft sind Muslime immer auf Widerstand gestoßen. Nach dem 11. September hat sich diese Ablehnung verstärkt bis hin zu Auffassung, dass der Islam generell mit Terrorismus gleichzusetzen sei. Weder die Politik noch die Kirchen haben es bisher fertig gebracht, in diesem Feld Abhilfe zu schaffen.
Unter Betrachtung aller dieser Defizite kann es nicht verwundern, dass die türkische Community sich verselbstständigt hat. Und die deutsche Politik plötzlich merkt, dass sie hier glaubt gegensteuern zu müssen. Um nicht missverstanden zu werden, die jetzige Situation schadet der Demokratie. Notwendige Maßnahmen zur Veränderung wären die Herstellung der Chancengleichheit für Jugendliche, politische und gesellschaftliche Gleichstellung, Anerkennung der Muslime als eine Religion neben Christentum und Judentum, Abschaffung der Wohnghettos und anderes mehr. Nur die Frage sei erlaubt, ob es nicht mittlerweile zu spät dazu ist. Denn es ist nicht fünf vor sondern fünf nach zwölf. Doch es scheint, dass die bürgerlichen Parteien hierzu nicht fähig sind. So ist vorauszusehen, dass der bisher beschrittene Weg weiterhin fortgesetzt wird und wir in parallelen Gesellschaften leben, immer in der Gefahr, dass die Unterdrückten sich ihr Recht, wenn auch mit Gewalt, verschaffen.