Von der 'Eingeborenenpolitik' zur Vernichtungsstrategie: Deutsch-Südwestafrika, 1904(*)

George Steinmetz in PERIPHERIE (25.05.2005)

Der folgende Beitrag befasst sich mit dem Übergang von einer kolonialen "Eingeborenenpolitik" zu einem Programm des Völkermords, der 1904 in damaligen Deutsch-Südwestafrika (DSWA) verübt wurde.

"Ich, der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero: Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen. ... Das Volk der Herero muß ... das Land verlassen. Wenn das Volk das nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr dazu zwingen. ... jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh [wird] erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Kaisers." (Proklamation des Generals Lothar von Trotha an das Herero-Volk, 2. Oktober 1904)(1) Der folgende Beitrag befasst sich mit dem Übergang von einer kolonialen "Eingeborenenpolitik"(2) zu einem Programm des Völkermords, der 1904 in Deutsch-Südwestafrika (DSWA), dem heutigen Namibia, verübt wurde. Ich untersuche die Gründe für die mörderische Strategie der Deutschen gegen die Ovaherero während des Krieges 1904 und in den Konzentrationslagern 1904-1908. Zwar waren Kolonialgräuel damals nichts Außergewöhnliches; dennoch wird das deutsche Vorgehen gegen die Ovaherero zurecht als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Es gehört nämlich zu der kleinen Zahl absichtlicher Versuche, in einem modernen kolonialen Zusammenhang eine ganze Bevölkerungsgruppe zu vernichten.(3) Die Tatsache, dass es sich um ein deutsches Verbrechen handelte, verweist nachdrücklich auf die These vom deutschen "Sonderweg": Wir müssen also fragen, ob der deutsche Kolonialismus nicht doch außergewöhnlich war, und zwar außergewöhnlich durch seine Ausrottungsstrategie, wie die Briten nach dem Ersten Weltkrieg behauptet haben.(4) Wenn ich diese Fragen hier auch nicht beantworten kann, so möchte ich sie doch im Licht neuerer komparativer Diskussionen sowie der Debatten um (post)koloniale Theorie und Geschichte, den Nazismus und schließlich die Besonderheiten der deutschen Geschichte präzisieren.

Die Absicht der Vernichtung

General von Trotha beschrieb die verstreuten Überlebenden des deutschen Feldzuges gegen die Ovaherero 1904 als "die letzten Trümmer einer Nation, die aufgehört hat, auf eine Rettung und Wiederherstellung zu hoffen" (zit. Schwabe 1907: 300). Leutnant Schwabe, der an diesem und vielen früheren Feldzügen in der Kolonie teilgenommen hatte, urteilte in einer seiner vielen Veröffentlichungen, das Volk der Ovaherero "war ... von einem furchtbaren, aber verdienten Schicksal ereilt worden" (ebd.: 305). Die amtliche zweibändige Studie der Kriegsgeschichtlichen Abteilung des Großen Generalstabes beschloss ihre Darstellung des Deutsch-Herero-Krieges mit dem pathetischen Bild vom "Röcheln der Sterbenden und ... Wutgeschrei des Wahnsinnes" die "in der erhabenen Stille der Unendlichkeit (verhallten)" (Kriegsgesch. Abt. 1906-07 I: 214). Das waren natürlich Wunschphantasien deutscher Offiziere und Militärhistoriker. Auch genaueste Forschungen haben die wirkliche Zahl der Toten unter den Ovaherero im Krieg von1904 und unter dem Nachkriegsregime von Zwangsarbeit und Konzentrationslagern noch nicht ermittelt (vgl. Zimmerer & Zöller 2003), aber es ist ganz klar, dass die Ovaherero weder physisch ausgerottet noch kulturell völlig dezimiert wurden, auch wenn ihre Leiden gewaltig und die Veränderungen in ihrer Kultur erheblich waren (vgl. Gewald 1998; Krüger 1999). Dennoch bleibt die unbestreitbare Tatsache, dass General von Trotha 1904 darauf abzielte, die Ovaherero zu vernichten und dass durch eben diese Absicht die amtliche deutsche Politik (mindestens) von September bis Dezember 1904 nach der üblichen Definition den Tatbestand des Völkermordes erfüllt. Natürlich ist Völkermord ein grundsätzlich umstrittener und instabiler Begriff, der zudem erst nach dem Holocaust und den Nürnberger Prozessen Verbreitung fand (vgl. Rabinbach 2004). Diese Historizität teilt er jedoch mit allen anderen sozialtheoretischen Begriffen. Auch die Betonung der Absicht ist kein wirkliches Problem. Raphael Lemkin (1947: 147) definierte die "kriminelle Absicht, eine menschliche Gruppe zu vernichten oder auf Dauer zu verkrüppeln" als zentralen Aspekt des Völkermordes, und die UN-Konvention gegen Völkermord folgte ihm darin. Im vorliegenden Fall waren die Handlungen der Deutschen bewusst und absichtlich genozidal. Zwar lagen dem Völkermord auch unbewusste Motive zugrunde, aber wie ich zeigen möchte, widerspricht dies nicht der Absichtlichkeit der Entscheidung im Oktober 1904. Gegenüber Verweisen auf strukturelle Gewalt ist festzuhalten, dass sich die koloniale Situation neben vielen anderen durch das Ausmaß auszeichnete, in dem Gewalt direktes Resultat unmittelbar gegenwärtiger Entscheidungen und nicht unausweichliche Folge scheinbar unveränderlicher Prozesse war. Denn die "Struktur" von Kolonialstaat und -gesellschaft in DSWA war äußerst rezent und wurde beständig neu erfunden. Die juristische Definition stellt bei der Kennzeichnung der deutschen Entscheidung zur Vernichtung der Ovaherero als Völkermord kein Problem dar. Der rauchende Colt, der die Absicht belegt, lässt sich unschwer ausmachen. Wenn sowohl Gouverneur Leutwein 1896 (während des ersten Feldzuges gegen aufständische Ovaherero) und erneut General von Trotha 1904 darauf bestanden, die (erste) Genfer Konvention sei in der kolonialen Situation ohne Bedeutung, so verweist dies exakt auf das Gegenteil, nämlich dass in den Augen beider die Annahme durchaus Plausibilität besaß, diese Konvention sei hier relevant.(5) Es bleibt abzuwarten, ob aus der Sicht von Gerichten und Öffentlichkeit die UN-Konvention zum Völkermord rückwirkend auf den deutschen Angriff gegen die Ovaherero anwendbar ist, der sich vor der Mitte des 20. Jahrhunderts ereignete. Ich beabsichtige nicht, die Vorgeschichte der deutschen Entscheidung zu dem Versuch nachzuzeichnen, die Ovaherero zu vernichten. Es gibt detaillierte neuere historische Forschungen zum Beginn des Krieges und den verschiedenen Schlachten.(6) Jedoch bis zur Schlacht von Hamakari (Waterberg) am 11. August 1904, als die Gesamtheit der mit ihrem Vieh eingeschlossenen Ovaherero besiegt und zur Flucht gezwungen wurde, und selbst noch danach gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Deutschen beabsichtigten, ihre Feinde physisch zu vernichten, anstatt sie gefangen zu nehmen, zu enteignen und zu versklaven. Am 13. September befahl General von Trotha, Ovaherero-Frauen und Kinder gewaltsam zu verjagen, wenn sie "in großer Zahl" kamen und "um Wasser baten", und am 23. September wies er den Vorschlag des Majors Ludwig von Estorff, des Kommandeurs der Ostabteilung während des Waterberg-Feldzuges, zurück, die Deutschen sollten die Angebote der Ovaherero zur Eröffnung von Verhandlungen akzeptieren.(7) Trothas "Worte an das Volk der Herero" vom 2. Oktober 1904, die oft etwas missverständlich als Vernichtungs- oder Schießbefehl bezeichnet werden,(8) markieren der Höhepunkt in dieser Verhärtung seiner Position. Auch beschränkte sich die Verantwortung für diese Handlungsweise nicht auf den selbsternannten "großen General des mächtigen Kaisers". Graf von Schlieffen, Chef des Großen Generalstabes und Vorgesetzter Trothas, revidierte keineswegs sofort die Entscheidung vom 2. Oktober. Da die Deutschen sich völlig darüber im Klaren waren, dass in der Omaheke-Steppe, wohin die Ovaherero nach dem 11. August geflohen waren, Wassermangel herrschte, kam die Weigerung, sie in westlicher Richtung zurückkehren zu lassen, einem Todesurteil gleich. Als ob dies nicht deutlich genug wäre, hat Trotha seine Absichten in einem Brief zusammengefasst, den er am 5. November an Gouverneur Leutwein schrieb, der nach seiner Kritik an der Völkermordstrategie seiner militärischen und zivilen Aufgaben enthoben worden war und vor der wenig ehrenhaften Rückkehr nach Deutschland stand: "Ich kenne genug Stämme in Afrika. Sie gleichen sich alle in dem Gedankengang, dass sie nur der Gewalt weichen. Diese Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld. Nur aus dieser Aussaat kann etwas Neues entstehen, was Bestand hat."(9) Graf von Schlieffen betonte in einem Schreiben an Reichskanzler Fürst Bernhard von Bülow vom 23. November, man könne der Argumentation des Generals von Trotha, der in einem Brief an Schlieffen vom 4. Oktober die Vernichtungsstrategie verteidigt hatte, "beistimmen", nämlich "daß er die ganze Nation vernichten oder aus dem Land treiben will", weil die Ovaherero "ihr Leben verwirkt (haben)". Angesichts der Einwände des Kanzlers schlug Schlieffen jedoch als Alternative einen "Zustand der Zwangsarbeit, also eine Art von Sklaverei" für die Ovaherero vor und fügte hinzu: "Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung und völlige Knechtung der einen Partei abzuschließen."(10) Erst am 9. Dezember, nachdem -zigtausende Ovaherero in der wasserlosen Steppe zugrunde gegangen waren, schickte Schlieffen ein Telegramm an Trotha und befahl ihm, alle Ovaherero außer den "unmittelbar Schuldigen und den Führern" zu begnadigen.(11) Unzählige "ganz normale Männer" - um die Bezeichnung von Christopher Browning für die Beteiligung einer Gruppe Hamburger Polizisten an der Endlösung zu benutzen - unter den deutschen Mannschaften und Offizieren unterstützten Trotha in seiner radikalisierten Handlungsweise, Ovaherero aufzuspüren und zu erschießen, Wasserlöcher zu vergiften und die Steppe an ihrem östlichen Rand abzuriegeln.(12) Bei Beginn der Regenzeit im März 1905 folgte Oberleutnant Graf Schweinitz einem "Fußpfad", der durch die Omaheke führte und den "offenbar ... große Scharen flüchtender Herero ... genommen hatten". Dort fand er "immer zahlreicher(e) und größer(e) ... Stellen, wo Leichenreste, Männer, Frauen und Kinder zu Hunderten zusammenlagen." Der Weg war besät mit "Menschenschädel(n) und Gerippe(n)." (Anon. 1905; Anon. 1907: 85; Kriegsgesch. Abt. 1906-07 I: 214.) Diese koordinierte Anstrengung, die Kolonie über die Eingeborenenpolitik - die zumindest eine "Eingeborenen"-Bevölkerung erfordert - hinaus und hin zu einem Programm unzweideutiger Tötung und Vertreibung der indigenen Bevölkerung zu drängen, fordert eine Erklärung. Wir können einfach die Behauptung bestimmter Theoretiker der Unvergleichbarkeit und des Traumas nicht akzeptieren, die sagen, bestimmte Ereignisse seien so grauenhaft, außergewöhnlich oder unzureichend bezeugt, dass sie eine historische Erklärung nicht erlaubten.(13) Diese Argumente lassen sich auf epistemologischer, politischer und ethischer Ebene widerlegen. Und während Sartre meinte, dass der Kolonialismus "gleichzeitig den Tod und die Vermehrung seiner Opfer erfordert", ist Kolonialismus ohne Kolonisierte eindeutig eine contradictio in adiecto - oder aber etwas grundlegend anderes als Kolonialismus.(14)

Theorien über Kolonialismus, Theorien über den Völkermord der Nazis

Will man zu einer Erklärung für die Radikalisierung der deutschen Kriegsziele 1904 kommen, so muss man offenkundig auf die theoretische Literatur zum Kolonialismus zurückgreifen. Im Licht der Definition der Ereignisse von 1904 als Völkermord und auch angesichts der - häufig impliziten - Annahmen über Zusammenhänge zwischen der deutschen Kolonialherrschaft in Südwestafrika und dem Nazismus ist es auch wichtig, sich mit der theoretischen Diskussion über den Holocaust zu befassen. Ein Vergleich beider Debatten zeigt zunächst und wohl wenig überraschend, dass den Ereignissen von 1904 viel weniger Aufmerksamkeit zuteil geworden ist als denen von 1933-1945.(15) Zunächst kann in diesem Fall eine Reihe marxistischer und marxisant-Perspektiven schnell abgetan werden. Wirtschaftliche Kräfte in einem breiten Verständnis prägten die deutsche Kolonialpolitik zwar in vielfältiger Weise, aber sie waren schwerlich so vorherrschend, wie dies ältere Sichtweisen des Kolonialismus nahe legten. Sogar der Erwerb der meisten deutschen Kolonien folgte einer nicht-ökonomischen oder gar anti-ökonomischen Logik.(16) Zwar hatte der "Gründer" von DSWA, Adolf Lüderitz, mit indigenen Führern 1883 und 1884 Verträge abgeschlossen, von denen er sich Gewinne erhoffte, aber er ging 1885 bankrott, und seine Anteile wurden auf Druck Bismarcks von der Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika aufgekauft, jedoch ohne realistische Gewinnerwartungen. Der deutsche Staat übernahm die Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Kolonie gerade zu dem Zeitpunkt, als sich ihre Rentabilitätsaussichten auf dem Nullpunkt befanden. Auch das Verhalten Trothas lässt sich selbst durch die "strukturalistischsten" Ausformungen des Marxismus nicht ökonomisch erklären. Selbst der allwissendste Planer oder Gesamtkapitalist wäre 1904 nicht in der Lage gewesen zu garantieren oder vorauszusehen, dass die Kolonie in der Lage wäre, Arbeitskräfte als Ersatz für die Ovaherero zu rekrutieren. Schließlich litten die weißen Arbeitgeber in der Kolonie bis zum Ende der deutschen Zeit unter Arbeitskräftemangel. Und während die Enteignung von Land und Vieh als Folge des Krieges die Grundlagen für die Erweiterung des Agrarsektors in europäischem Eigentum (hauptsächlich extensive Viehwirtschaft) legte, benötigten diese Farmen doch indigene Arbeitskräfte um zu florieren. Es gab keinerlei Garantie, dass die Viehzucht je zu einem gewinnbringenden Zweig der kolonialen Wirtschaft werden würde. Versklavte Gefangene bauten die Otavi-Bahn zu den Kupferminen von Tsumeb (fertiggestellt 1906) und arbeiteten in den Bergwerken dort und in Gibeon. Die Minengesellschaft profitierte auch davon, dass die Ovaherero sich nicht gegen Übergriffe auf ihr Land durch die Eisenbahnlinien wehren konnten. Aber Trotha und die anderen Planer des Krieges von 1904 hatten die Entstehung eines gewinnbringenden Systems der Zwangsarbeit nach dem Krieg nicht vorausgesehen.(17) Trothas Anstrengungen zwischen Oktober und Dezember, die Ovaherero zu vernichten oder sie gänzlich aus der Kolonie zu verjagen, verweisen sogar auf das Gegenteil solcher ökonomisch rationaler Strategien. Wie der Historiker Bley vermerkt, lief die von Trotha veranlasste "ruinierende Abschlachtung von gestempeltem Beutevieh" auf "offene erklärte Rücksichtslosigkeit gegen wirtschaftliche Interessen der Ansiedler" hinaus (Bley 1968: 207). Trothas sämtliche öffentliche Verlautbarungen und seine geheime Korrespondenz mit anderen Dienststellen in der Kolonie und in Berlin zeigen, dass er als deutscher Adliger und Offizier weit davon entfernt war, sich Gedanken über die wirtschaftliche Lebensfähigkeit der Kolonie zu machen. Sein Verweis auf "Ströme von Blut und Ströme von Geld" ist sogar ebenso bemerkenswert wegen des zweiten Bildes wie wegen des ersten. Er hatte eindeutig so wenig Hemmungen, sein Budget zu überziehen wie der Brutalität bezichtigt zu werden. Aus einer mehr kassenanalytischen Perspektive zeigt sich, dass Siedlerkolonien besonders brutal sind, was an dem Nullsummen-Charakter des Kampfes um das Land liegen mag.(18) Doch selbst wenn die Mehrheit der Siedler in DSWA Trothas mörderisches Programm befürwortet hätte - was die historische Forschung noch nicht nachgewiesen hat(19) - gibt es wenig Hinweise darauf, dass die offizielle politische Strategie in Namibia oder einer anderen deutschen Kolonie durch Siedlerinteressen bestimmt gewesen wäre.(20) In unserem Zusammenhang ist am wichtigsten, dass Trotha zwar am 11. Juni die Kolonie in Swakopmund, einem Zentrum der deutschen Siedler, erreichte, sich dort aber nicht lange aufhielt und auch in Windhoek, wo sich die öffentliche Meinung der Siedler konzentrierte, nur zwei Tage verbrachte. Er ging am 9. Juli an die Front(21) und kehrte erst nach dem Erlass seiner Vernichtungs-Proklamation nach Windhoek zurück (allerdings hielt er sich etwas in Okahandja auf, wo während der ersten Tage der Kämpfe im Januar 1904 Siedler getötet worden waren).(22) Es ist daher unwahrscheinlich, dass Trotha während der Wochen vor seinen folgenreichen Entscheidungen intensiv von den Meinungen südwestafrikanischer Siedler beeinflusst wurde. Auch kann Trothas Handlungsweise nicht auf einen Fall von Tropenkoller zurückgeführt werden, auch wenn seine Strategien nicht einem rationalen Verständnis kolonialer Staatsraison entsprachen. Es ist unbefriedigend, Trotha als schauerlichen Vorläufer des Nazismus darzustellen, wie dies in Thomas Pynchons Romanen V und Die Enden der Parabel geschieht (wobei es Pynchon natürlich nicht um Historiographie geht).(23) Weiter ist klar, dass bestimmte Praktiken, für die im Kolonialkontext Pionierarbeit geleistet wurde, im Nazi-Reich einschließlich des Generalgouvernements im besetzten Polen wieder auftraten (s. Roth 2004; Zimmerer 2004), und ich werde am Schluss dieses Aufsatzes darauf zurückkommen; doch die Zukunft kann nicht rückwirkend die Ereignisse des Jahres 1904 erklären, ohne die grundlegenden Prinzipien historischer Kausalität zu verletzen. Die Großmachtpolitik beeinflusste erheblich den Zeitpunkt und die Art und Weise, wie Deutschland seine überseeischen Kolonien erwarb, und sie bestimmte auch unmittelbar die Eingeborenenpolitik wenigstens in einer deutschen Kolonie, Qingdao/Jiaozhou(24) auf der Halbinsel Shandong in China. Aber die Dynamik innerhalb der globalen Kernkonstellation hatten keine - außer negativen - direkte Auswirkungen auf das Abschlachten der Ovaherero und Witbooi durch die Deutschen 1904-1907. Das Stillschweigen der ausländischen Regierungen und Nachrichtenmedien gegenüber dem passiven Gemetzel in der Wüste war geradezu ohrenbetäubend. Wie Bley konstatiert, störte es viele, "daß die Weltöffentlichkeit nur den russisch-japanischen Krieg beachtete, die 'große Konkurrenz' zum 'kleinen Krieg' der Deutschen" (Bley 1968: 201). Es ist zuweilen gesagt worden, dass die Bedrohung des deutschen geopolitischen Prestiges durch eine afrikanische Rebellion ein Faktor gewesen sein könnte, der zu der eskalierenden Brutalität 1904 beigetragen habe. Ich habe jedoch in den Archiven keine Belege dafür gefunden, dass irgendjemand in der deutschen Regierung die Ereignisse wirklich so gesehen hätte. Die Ereignisfolge lässt sich auch nicht durch den Wechsel der Verantwortung für die Kriegsführung vom früheren Kolonialgouverneur Theodor Leutwein, der normalerweise auch Kommandeur der Schutztruppe war, auf den Generalstab erklären. Die Deutschen legten zur Vorbereitung der Schlacht von Hamakari (Waterberg) am 11. August Kriegsgefangenenlager an, d.h. offenbar hegte Trotha zu diesem Zeitpunkt noch keinen Plan zur Vernichtung der Ovaherero im zweiten, nichtmilitärischen Sinn des Wortes.(25) Die Zielsetzung des Generals erreichte ihren radikalsten Punkt erst nach dem 11. August.(26) Dieser komplizierte Verlauf, der schließlich zur Vernichtungsstrategie geführt hat, erinnert an die etwas verwirrend als "intentionalistisch" bezeichnete Interpretation des Nazi-Holocaust (der in jener älteren Debatte die sogenannte "strukturalistische" Interpretation gegenüberstand).(27) Diese Debatte war mit ihrer starren Dichotomie zwischen Struktur und Handlung zwar irreführend angesetzt, berührte aber dennoch einen entscheidenden Punkt sozialer und historischer Epistemologie: die Unterscheidung zwischen einerseits einer Sicht auf historische Ereignisse als Ergebnisse unvorhersagbarer und veränderlicher Konstellationen zwischen zugrundeliegenden Strukturen und sich mit ihnen in stets einzigartigen "Kräfteparallelogrammen" überschneidenden individuellen oder Gruppenstrategien, sowie andererseits einem Blick auf die Ursachen dieser Ereignisse, der entweder fatalistisch reduktionistisch oder aber philosophisch positivistisch verfährt.(28) Überträgt man dies auf unser augenblickliches Problem, so würde der einzige ernsthafte Kandidat für so etwas wie eine "intentionalistische" - also monokausale und reduktionistische - Erklärung der deutschen Vorgehensweise 1904 diese auf eine erstaunlich übereinstimmende und einseitige Formierung der präkolonialen ethnographischen(29) Darstellungen der Ovaherero zurückführen. Führte man die Analogie zur Holocaust-Debatte fort, könnte man dies als "koloniale Goldhagen-These" bezeichnen: Der genozidale Übergriff der Deutschen gegen die Ovaherero 1904 würde langfristigen und weit verbreiteten rassistischen und letztlich exterministischen Sichtweisen auf die Ovaherero unter den Deutschen angelastet und deshalb als unvermeidlich dargestellt.(30) Eine derartige Erklärung ließe sich noch einer breiteren Argumentationskette in den Humanwissenschaften annähern, die die diskursive Determination der Praxis betonten; in der Sozialtheorie ist diese Behauptung am stärksten mit Foucault verbunden und in der Forschung über koloniale und postkoloniale Gesellschaften mit Edward Saids Orientalismus, der die bestimmenden Folgen der orientalistischen "Bibliothek von idées reçues" auf den europäischen Kolonialismus unterstrichen hat. Es besteht sicherlich eine starke Affinität zwischen dem entmenschlichenden Diskurs der meisten europäischen und deutschen Beobachter der namibischen Ovaherero(31) während des 19. Jahrhunderts und Trothas ungeheuerlicher Sprache, "die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld" zu vernichten. Dieses Archiv rassisch/ethnographischer Darstellungen hilft uns in der Tat, die außerordentliche Wendung der Ereignisse 1904 zu erklären. Doch waren solche Darstellungen nur insoweit bestimmend, als sie durch miteinander im Widerstreit liegende Akteure auf dem kolonialstaatlichen Feld ("Feld" hier verstanden im Sinne Bourdieus 1985) aufgenommen und strategisch gegen andere europäische Akteure genutzt wurden. Entkörperlichte Bilder von Ovaherero, wie widerlich auch immer, waren nicht zureichend, um Praxis zu motivieren. Wir brauchen nur daran zu erinnern, dass Theodor Leutwein sich gegen Trothas Vorgehensweise wandte und selbst keinen Versuch unternommen hatte, 1896 alle aufständischen Ovaherero zu massakrieren, obwohl er selbst zu diesem Zeitpunkt, als er zwei Jahre in der Kolonie verbracht hatte, eindeutig der vorherrschenden Form des entmenschlichenden Diskurses ausgesetzt gewesen war. Leutweins milde Behandlung der aufständischen Witbooi 1894 legt ähnliche Schlüsse nahe, obwohl es hier auch ein wohlwollenderes, wenn auch paternalistisches Archiv ethnographischer Bilder gab, auf das Leutwein und die amtliche Kolonialpolitik sich beziehen konnten.(32) Leutweins wenn auch schwacher Widerstand gegen Trothas Politik 1904 verweist ebenfalls darauf, dass es in dem an Said anschließenden Ansatz der "kolonialen Diskurstheorie" weiterer Vermittlungsschritte bedarf.

Der koloniale Staat als Machtfeld: der Unterschied in ethnographischer Präzision

Wir müssen die Diskursanalyse mit einer Soziologie der Kolonisatoren und des kolonialen Feldes zusammenführen - oder wir müssen vielmehr diese beiden Sichtweisen miteinander integrieren. Die Vermittlungsschritte zwischen dem ethnographischen Diskurs und der politischen Praxis werden in Arbeiten, die sich von Said und Foucault inspirieren lassen, gewöhnlich nicht weiter spezifiziert. Vor allem wird der Vielstimmigkeit des ethnographischen Diskurses zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Said zufolge gab es auf der Oberfläche des Orientalismus unterschiedliche "Idiome", darunter aber befand sich eine "Schicht von Doktrinen über den Orient, die alle im Hinblick auf ... wesentliche Aspekte des Orients übereinstimmten" (Said 1978: 203). Ein Vergleich zwischen präkolonialen europäischen Darstellungen der Ovaherero und der Khoikhoi (speziell einschließlich der Witbooi), ganz zu schweigen von Ovaherero und Chinesen, verweist auf einen bedeutsamen Unterschied zwischen eher einstimmigen und eher mehrstimmigen Diskursformationen. Saids bündige, aber unbefriedigende Formel, "aus Reiseberichten wurden Kolonien geschaffen", legt ebenfalls den Verdacht nahe, nicht genügend auf die komplexen Prozesse geachtet zu haben, durch die orientalistische Diskurse in politische Strategien verwandelt werden. Im Falle Saids ist das vielleicht akzeptabel, denn Orientalismus ist in erster Linie ein kulturwissenschaftliches Werk und es sollte zudem zusammen mit dem im folgenden Jahr (1979) erschienenen Question of Palestine gelesen werden. Aber andere Anhänger der "kolonialen Diskurstheorie" sind hier nachlässiger. Wir benötigen eine Theorie darüber, wie die interne soziale Dynamik des Kolonialstaates die politischen Folgen selbst der eher einstimmigen ethnographischen Darstellungen vermittelten. Betrachten wir den Kolonialstaat als Feld, so zeigt sich, dass er weit davon entfernt war, intern homogen zu sein, und dass unterschiedliche europäische Gruppen ebenso wie deutsche Beamte miteinander genauso konkurrierten, wie sie das auf jedwedem anderen Feld um spezifische Einsätze tun. Im Rahmen des Feldes des modernen Kolonialstaates lassen sich diese Einsätze als Bestreben nach gegenseitiger Anerkennung der persönlichen ethnographischen Präzision(33) durch alle anderen Akteure auf dem Feld verstehen. Die Kolonialbeamten schlossen sich Formen des ethnographischen Diskurses an, die Aussichten eröffneten, ihre eigenen Bestände an kulturellem Kapital in den Vordergrund zu rücken und so ihre sozialen Ziele und Bestrebungen zu fördern; diesen ethnographischen Positionsbestimmungen entsprachen bestimmte Komplexe von Maßnahmen in der Eingeborenenpolitik. Das bedeutet genauso wenig, dass die beherrschenden Akteure auf dem kolonialen Machtfeld tatsächlich eine überlegene Vorstellung von der Kultur der Kolonisierten hatten, wie Bourdieu etwa in Die feinen Unterschiede behauptete, das, was auf einem bestimmten Feld als guter Geschmack gilt, sei wirklich objektiv irgendwie überlegen. Aber dennoch wurden ethnographische Diskurse als Waffen der Unterscheidung geführt. Der Ansatz Bourdieus bedarf selbst jedoch der historischen Spezifizierung.(34) Der dreifache Klassenkampf innerhalb der metropolitanen Elite, der von Historikern des deutschen Sonderweges beschrieben worden ist, wurde in den Kolonialbereich übertragen. Die Kolonien zeichneten sich durch eine gesteigerte Version des Kampfes zwischen dem Bildungsbürgertum, der Kapitalistenklasse und dem Adel aus, der für das deutsche Kaiserreich zentrale Bedeutung hatte. Die Junker und der Hochadel mögen, wie Blackbourn und Eley gezeigt haben, zu Hause in Gesellschaft und Politik im Niedergang begriffen gewesen sein, aber sie hatten noch immer eine Führungsrolle in der Armee und im Auswärtigen Dienst, der - besonders vor 1907 - auch die Kolonien beherrschte. Jeder Kolonisator tendierte zu einem Bild der Kolonisierten, das seine eigenen sozial konstruierten Stärken unterstrich und fand Wahlverwandtschaften zu den Topoi und Narrativen aus dem ethnographischen Archiv, die dazu am besten geeignet waren. Die aus der Mittelklasse stammenden Beamten mit Universitätsausbildung betonten eher Interpretationen der Kolonisierten, die auf hermeneutischen und linguistischen Fertigkeiten beruhten und Distanz zu dem wahrten, was sie als weniger ehrenwerte Motive des Geldes und der militärischen Herrschaft definierten. Viele der Beamten, die auf diesem "hermeneutischen" Ansatz ihren Untergebenen gegenüber insistierten, waren vor ihrer Ankunft in den Kolonien als Philologen, Orientalisten, Sanskritisten, Übersetzer oder Juristen ausgebildet worden. Ein Teil der Missionare verhielt sich ähnlich, wenn man von ihnen auch kein Interesse an vorchristlichen Kulturen erwartete, es sei denn als Ziele ihrer Transformationskampagnen.(35) Adelige und Offiziere beschrieben die Kolonisierten eher mit militärischen oder simplen rassistischen Kategorien. Sie gaben einer Eingeborenenpolitik den Vorzug, die die Kunst von Zwang und Befehl betonte - also die traditionelle Spezialität des deutschen Adels -, aber sie kleideten dies noch immer in den Anspruch einer überlegenen Kenntnis der Eingeborenen. So schrieb General Lothar von Trotha: "Meine genaue Kenntnis so vieler Zentral-Afrikanischer Stämme, Bantu und Anderer, hat mir überall die überzeugende Notwendigkeit vorgeführt, daß sich der Neger keinem Vertrag sondern nur der rohen Gewalt beugt."(36) Die Siedler und Investoren wollten im Allgemeinen die Kolonisierten in austauschbare Versionen des homo oeconomicus verwandeln und waren auf Kategorien wie Faulheit oder Nützlichkeit eingestellt, mit denen sie lokale Personen bewerteten. An der vorhandenen indigenen Kultur waren sie relativ uninteressiert.(37) Natürlich gab es auch viele Ausnahmen, also Deutsche, die soziologisch abweichende ethnographische Ansichten vertraten. Der adelige Schriftsteller und Reisende Hermann Graf Keyserling (1990) begeisterte sich für Asien und China auf eine Weise, die eher typisch für Mittelklasse-Intellektuelle dieser Zeit war. Umgekehrt folgte der liberale Mittelklasse-Soziologe Max Weber den sinophoben Stimmungen, die typischerweise mit anderen gesellschaftlichen Klassen seiner Zeit assoziiert werden und meinte, der Konfuzianismus sei auf "Weltanpassung" anstelle von "Weltrationalisierung" orientiert, so dass in China kein moderner Kapitalismus habe entstehen können.(38) Viele Kolonisatoren fanden sich in widersprüchlichen Klassenlagen (um die treffende Formulierung von Erik Olin Wright 1979 zu benutzen), und manchen lag mehr daran, ihren Klassenstatus zu verändern als ihren augenblicklichen zu nutzen. Zumeist bestanden aber starke und weit verbreitete Zusammenhänge zwischen sozialer Klasse und ethnographischer Einstellung, selbst wenn sich diese Muster auf einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit beschränkten. Der Klassenhintergrund und die Bestrebungen Theodor Leutweins und seiner Gegner in der Kolonialverwaltung tragen dazu bei, den Charakter des Konflikts zu verstehen, der innerhalb der Elite entstand, und sie tragen daher auch indirekt zur Erklärung des Übergriffs auf die Ovaherero bei. Leutwein, Jahrgang 1849, war der Sohn eines lutherischen Pfarrers, hatte das humanistische Gymnasium besucht und an der Universität studiert. Er brach sein Jura-Studium ab und ging zur Armee, aber er kämpfte nicht in den deutschen Einigungskriegen. Zum Zeitpunkt seiner Ernennung zum Landeshauptmann unterrichtete Leutwein Militärtaktik an der Militärakademie Hersfeld (Bley 1968; Esterhuyse 1968: 202). Die Brüder von François, die er 1894 an den Rand drängte, wobei er von einem (Curt von François) das Amt des Landeshauptmanns übernahm, stammten aus dem Adel. Ihr Ahnherr August von François war 1774 in den Reichsadelsstand aufgenommen worden; ihr Vater war ein Held des Französisch-Deutschen Krieges.(39) Dieser Klassengegensatz überdeckte die Spannung, die bereits in der Beziehung zwischen dem neuen Landeshauptmann und denen vorhanden war, deren Macht er nun an sich brachte. Zehn Jahre später stand Leutwein in einer ähnlichen Situation General von Trotha gegenüber, der altem Adel entstammte. Trotha war auch Veteran der entscheidenden Schlacht gegen die Franzosen bei Sedan sowie von Gefechten in Deutsch-Ostafrika, und wie viele Teilnehmer des Deutsch-Ovaherero-Krieges hatte er kurz vor dem Krieg 1904 in Namibia an dem Feldzug einer internationalen Streitmacht gegen die Chinesischen Boxer teilgenommen und dabei die 1. Infanteriebrigade des deutschen Expeditionscorps nach Ostasien befehligt (Pool 1991: 243; von Salzmann 1905: 187). Die Polarisierung zwischen Trotha and Leutwein brachte in stark zugespitzter Form die Klassenfeindschaft zum Ausdruck, die aus Sicht eines Historikers im wilhelminischen Deutschland "naturgemäß" (Pool 1991: 243f) zwischen einem adeligen Militär und einem Pastorensohn auftreten musste, der seine klassische Bildung zur Schau stellte. Die Spannungen zwischen beiden Männern wurde durch die Art und Weise noch erhöht, in der Trotha die koloniale Arena betrat, um den Gouverneur in einem Augenblick der Krise abzulösen - wobei sich das Drehbuch von vor einem Jahrzehnt nur mit umgekehrten Klassenvorzeichen wiederholte. Leutwein suchte seine persönliche Autorität durch eine hektische Korrespondenz mit Berlin zu retten, in der er Trotha und die mit ihm verbündeten Offiziere angriff. So bestand er etw