Geschichte von unten und radikale Linke

Bernd Hüttner in arranca! (05.07.2004)

Während Geschichte in der Gesellschaft eine große Rolle spielt, ist die (radikale) Linke relativ geschichtslos. Dies ist derzeit wieder an der Bewegung gegen die globalen Konzerne zu beobachten:

"Neue" eignen sich vieles erst mühsam neu an, machen zwangsläufig Fehler. Gleichzeitig ziehen sich ältere AktivistInnen resigniert zurück, da eine Weiterentwicklung kritischer Politik nicht möglich zu sein scheint.

Das Große und das Ganze…

Für die Geschichtsaneignung und -vermittlung gibt es verschiedene Formen: Bücher, Filme, öffentliche und private Gespräche. Die vorliegenden Bücher zur Geschichte der radikalen Linken handeln ereignis- und politikgeschichtlich die großen Debatten, die Zeitschriften, Demonstrationen und Kampagnen ab.(1) Die Geschichtsschreibung der radikalen Linken ist eine der Sieger, derjenigen (meist Männer), die während ihrer politischen Biographie genügend soziales, kulturelles und ökonomisches Kapital angehäuft haben, um schreiben und forschen zu können. Es gibt natürlich die hilfreichen Nachdrucke und Dokumentationen mit einem "neutraleren" Ansatz. Dazu gehören z.B. das Buch über linksradikale Plakate, (2) oder das neue Buch der Berliner Altautonomen (3), die zwar stellenweise treffende Analysen enthalten, ihren Verkaufserfolg aber wesentlich dem Nostalgiefaktor verdanken. Zu erwähnen sind noch verschiedene Dokumentenbände (4) und die Titel zu einzelnen Bewegungen oder Organisationen (5). Diese Bücher sind notwendig, die Dokumentenbände unabdingbar – sie reichen aber bei weitem nicht aus, um die vielfältigen politischen Szenen und Strömungen, die persönlichen Motivationen der (damals) Handelnden und ihre Alltagskultur sichtbar werden zu lassen.

…ohne Alltag?

Wenn mensch sich die vorliegenden Beiträge zur Geschichte der Autonomen oder zu den einzelnen Bereichsbewegungen ansieht, so fällt auf, dass Kultur und dissidenter Lebensstil zwar das "Hinterland" sind, auf dem die neuen sozialen Bewegungen und noch mehr die autonomen Bewegungen aufbauen, das sie relativ resistent gegen Bewegungstiefs macht – diese aber in den Geschichtsbüchern nicht vorkommen. Das Leiden an den Verhältnissen, die Langeweile innerhalb linker Politik, der ganze banale Alltag kommt schlicht nicht vor. So gibt es zwar ausführliche historische Untersuchungen über die Trinkkultur von Hafenarbeitern in Hamburg vor dem 1. Weltkrieg, eine Untersuchung über die Bedeutung von Wohngemeinschaften für linksradikale Politik gibt es nicht.

Eignen sich vielleicht literarische Versuche als "authentischere" Quelle linker Geschichtsschreibung? Zwei bekanntere leben von der Spannung, die aus der polizeilichen Verfolgung der männlichen Protagonisten resultiert – eine Situation, die kaum repräsentativ ist, erst recht unter Gender-Gesichtspunkten (6). Der Roman "Die kalte Haut der Stadt" (7) ist als eindrückliche bis beklemmende Schilderung über die militante Bewegung der 1980er Jahre und ihren Niedergang von höherem Quellenwert. Er schildert den langsamen Zerfall eines autonomen Zusammenhanges und die damit verbundenen psychischen Prozesse und Dynamiken. Hinzu kommen die (Auto-) Biographien mit allen ihren Problematiken oder Interviewbände mit ZeitzeugInnen. (8) Broschüren zur Geschichte der Linken gibt es bis Mitte der 1990er viele. Sie zählen als graue Literatur nur eingeschränkt, da sie zwar wichtig sind, aber wieder verschwinden und heute nur noch in (Privat-) Archiven greifbar sind. Ein gelungener Versuch einer Geschichtsschreibung "von unten" im hier eingeforderten Sinne ist das Buch zum Autonomie-Kongress 1995, in dem Angehörige verschiedener Altersstufen in Interviews über ihre politischen Biographien reflektieren. (9) Dadurch kommt viel von den individuellen Motivationen, Deutungsmustern und Visionen zur Sprache. Dies ist ebenfalls in einer Veröffentlichung über verschiedene Strömungen der Tübinger antirassistischen Szene der Fall – hier werden Interviews mit 13 engagierten AntirassistInnen der Textanalyse hinzugefügt (10). Der Nachdruck der Geschichtsserie aus der seinerzeit weitverbreiteten radikal (11) ist ein Versuch, Geschichte aus einer sozialrevolutionären Perspektive zu schreiben und dabei für jüngere LeserInnen noch halbwegs verständlich zu bleiben. Diese Serie endet jedoch Mitte/Ende der 1950er Jahre und damit just an dem Zeitpunkt, an dem eine Zeitgeschichte der radikalen Linken beginnen würde.

Alternativen…

Die Geschichtsschreibung der (radikalen) Linken hat einen eingeschränkten Blickwinkel und ist methodisch veraltet. In den 1960er und 1970er Jahren setzte sich die Historische Sozialwissenschaft in Kritik der damals hegemonialen Politik- und Geistesgeschichte ("Staatsmänner machen Geschichte") für die Betonung gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen ein. Sie untersuchte Klassen und Schichten, technische Innovation und Ökonomie. Die am Fortschrittspessimismus der neuen sozialen Bewegungen angelehnte Alltagsgeschichte wiederum kritisiert an der SPD-nahen Historischen Sozialwissenschaft, dass das Individuum, sein Alltag und individuelle Deutungen dort nicht vorkämen. In den 1980er Jahren gibt es in der BRD die Geschichtswerkstätten, in denen sich feministische, gewerkschaftliche und andere ehrenamtliche und akademische HistorikerInnen zusammenschließen. Sie bringen die Geschichte derjenigen in die Öffentlichkeit, die bislang von der konservativen Geschichtswissenschaft und der Historischen Sozialwissenschaft ausgeschlossen waren: sogenannte Unterschichten, Frauen, nicht organisationsgebundene Strömungen und Aktionsformen der ArbeiterInnenbewegung usw. Die BarfußhistorikerInnen betreiben Geschichte aus der Sicht der Unterdrückten und Abhängigen, sie untersuchen deren Alltag, sie sind gewollt subjektiv und verwenden die neue Methode der oral history, der erzählten Geschichte: Durch Befragungen von ZeitzeugInnen nutzen sie deren Kompetenz und rücken jene überhaupt erst als Quellen mit Aussagekraft und -wert ins Bewusstsein. Die AktivistInnen der Geschichtswerkstätten verfahren nach dem Motto "Grabe (= forsche) wo du stehst" und untersuchen die Geschichte ihres Betriebes oder Stadtteils. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass das immergleiche unkritische Erzählen von individuellen Erinnerungen ("Geschichten statt Geschichte") in einer alternativen Heimatgeschichte, zu der die Geschichtswerkstättenarbeit vielerorts wurde, auch nicht gerade politisch fortschrittlich und methodisch innovativ war. Hinzu kommt die in letzter Zeit stark problematisierte Thematik von individuellen Erinnerungen und den Beschränkungen, denen sie unterliegen. Die akademische/herrschende Geschichtsschreibung ist mit Geschlechter-, Alltagsund Mentalitätengeschichte allemal innovativer als die Geschichtsschreibung über die/aus den linken Bewegungen, die den Stand der oral history und anderer, verwandter Methoden noch nicht erreicht hat. Vor dem Hintergrund, dass sich Linke immer einer Sicht "von unten" und der Einheit von Politik und Alltag verschrieben haben, mutet dies recht befremdlich an.

… und die Realität

Historische Aufarbeitung – und die betrifft in der schnelllebigen radikalen Linken schon den Zeitraum von vor fünf Jahren – kann nur von Menschen vollbracht werden, die "dabei" waren oder sich für die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Bewegung engagieren und sich dafür Zeit nehmen (können). Dabei gilt es gravierenden Tatsachen Rechung zu tragen: Erstens der politischen Lage, die von Abwehrkämpfen gekennzeichnet ist und kaum Raum für den Luxus von Geschichtsarbeit lässt. Zweitens ist die Zeitspanne, in der sich die meisten AkteurInnen in den linken Bewegungen aufhalten, relativ kurz und reicht in der Regel nicht über das "schwarz-rote Jahrzehnt" vom 19. bis 28. Lebensjahr hinaus. Dies hat zur Folge, dass ein Interesse für geschichtliche Aufarbeitung nicht entsteht und die Frage nach der eigenen Geschichte selten gestellt wird. Drittens sind es nur Einzelpersonen und kleine politische Gruppen, die sich für die Aufarbeitung der Geschichte einsetzen. Die Bewegungsarchive betreiben jenseits der Betreuung ihrer meist wenigen NutzerInnen keine offensive historische Bildungsarbeit.

Die Geschichtslosigkeit resultiert auch aus dem Selbstverständnis undogmatischlink( sradikal)er Praxis, das von Spontanität geprägt ist, geplante, strategische Politik sowie festere Organisationsformen lange Zeit ablehnte und Theorie (und damit auch Geschichte) vor allem als Legitimation der eigenen Praxis verstand. Ein kollektives Gedächtnis kann sich angesichts der losen Strukturen und der personellen Fluktuation nur schwerlich bilden.

Es ist Zeit, das Defizit der linksradikalen Geschichtsschreibung aufzuheben, "zu beschreiben ", wie es Katja Leyrer nennt, "und zu berichten, was in den vergangenen zwanzig Jahren war: Nicht Flugblätter, Pamphlete und Gesetzesentwürfe, sondern vor allem die alltägliche Erfahrung, die wir gemacht haben und machen und die manchmal ganz unfeministisch ist", da "der Alltag, das Tagtägliche, das ›Normale‹ und der Umgang mit den ›kleinen Ungerechtigkeiten‹ und Bedrohungen in der Regel sehr viel mehr Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, als es scheint – und als wir es wahrhaben wollen" (12). Es ist Zeit, sich von der patriarchalen Ereignis- und Politikgeschichte (13) zu verabschieden und z.B. eine (Alltags-) Geschichte der link(sradikal)en Bewegungen in verschiedenen Regionen zu schreiben, die synthetisierten Aussagen von Zeitzeugen als Quellen zu entdecken und so z.B. die individuellen und kollektiven Sozialisationen, die Deutungsmuster und Motivationen zu beleuchten. Dann würde vielleicht auch deutlicher werden, dass die radikale Linke wenige bis keine Konzepte für politisches Wirken und widerständiges Leben in der Nachausbildungsphase hat, für Kinder, Erziehung, Krankheit, Tod, Beruf etc. pp. – für all die Widersprüche, die das Leben bietet und so schwierig macht, für all die Widersprüche, die in der linksradikalen Geschichtsschreibung sehr oft nicht vorkommen. Dabei sind diese Defizite und diese Widersprüche exakt die Gründe, derentwegen sich Menschen aus emanzipatorischer Politik zurückziehen. Die Geschichte(n) der radikalen Linken in diesem Sinne sind erst noch zu schreiben. Sicher sind die engen materiellen Bedingungen, denen Geschichtsvermittlung heute unterliegt, in Rechnung zu stellen. Ältere GenossInnen sollten nicht nur über Geschichtslosigkeit jammern, sondern besser überlegen, wo sie Angebote machen.

(1)Geronimo: Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen, 4. veränderte Auflage, Berlin 1995 (zuerst 1990); Almut Gross/Thomas Schultze: Die Autonomen, Hamburg 1997; Bernd Langer: Kunst als Widerstand. Plakate, Ölbilder, Aktionen, Texte der Initiative Kunst und Kampf, Bonn 1997

(2)HKS 13: vorwärts bis zum nieder mit, Berlin o.J. (2001, incl. CD-ROM), http://plakat.nadir.org

(3)AG Grauwacke: Autonome in Bewegung, Berlin 2003, http://autox.nadir.org

(4)ID Verlag (Hg.): Rote Armee Fraktion, Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997; Die Früchte des Zorns, Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora, 2 Bände, Berlin 1993; Redaktion diskus (Hg.): Küss den Boden der Freiheit, Berlin 1992; Der Blues. Gesammelte Texte der Bewegung 2. Juni, Dortmund 2001; Ilko-Sascha Kowalczuk: Freiheit und Öffentlichkeit. Politischer Samisdat in der DDR 1985-1989, Berlin 2002

(5)Werner Balsen/ Karl Rössel: Hoch die internationale Solidarität, Köln 1986; Redaktion ›atomexpress‹:… und auch nicht anderswo. Die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung, Göttingen 1997; Michael Steffen: Geschichten vom Trüffelschwein. Politik und Organisation des Kommunistischen Bundes 1971-1991, Berlin 2002 (Steffen interviewt auch viele ehemalige KB-Mitglieder); Wolfgang Rüddenklau: Störenfried. ddr-opposition 1986-1989; Berlin 1992

(6)Tomas Lecorte: Wir tanzen bis zum Ende. Die Geschichte eines Autonomen, Hamburg 1992; Raul Zelik: Friss und stirb trotzdem, Hamburg 1998

(7)Michael Wildenhain: Die kalte Haut der Stadt, Berlin 1991, von Wildenhain liegt noch vor: zum beispiel k., Berlin 1983

(8)Es seien hier nur einige genannt: Ulrike Heider: Keine Ruhe nach dem Sturm, Hamburg 2001; Heipe Weiss: Fuchstanz, Frankfurt 1996, beide über die Frankfurter Sponti-Szene der 70er Jahre; lesenswert ist auch der Interviewband von Ute Kätzel: Die 68erinnen, Berlin 2002. Das Lebensgefühl der 80er Jahre gibt Georg Heinzen, Uwe Koch: Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden, Hamburg 1985 ganz anschaulich wieder, Einblicke in die Karrieren unbekannter 68er im Betrieb gibt Jochen Gester/Willi Hajek (Hrsg.): 1968 – und dann? Erfahrungen, Lernprozesse und Utopien von Bewegten der 68er Revolte, Bremen 2002

(9)Der Stand der Bewegung. 18 Gespräche über linksradikale Politik. Lesebuch zum Autonomie- Kongreß 1995, Berlin 1995, lesenswert auch: Den Faden weiterspinnen. Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Immigrantinnen, im Exil-lebenden und deutschen Frauen. Erfahrungen des Internationalen Frauenplenums Westberlin 1988- 1991, Berlin 1995 sowie Heinz Nigg (Hg.): "Wir wollen alles, und zwar subito." Die Achtziger Jugendunruhen in der Schweiz und ihre Folgen; Zürich 2001 (mit DVD) website: www.sozialarchiv. ch/80/

(10)Sabine Hess/Andreas Linder: Antirassistische Identitäten in Bewegung, Tübingen 1997

(11) GdV-Team: Gegen das Vergessen. Münster 1999

(12)Katja Leyrer: Weiberkram, Frankfurt 1992, S. 14

(13)Zu der ich auch noch das Grauwacke Buch zählen würde, denn dort taucht auch nicht auf, was z.B. Katja Leyrer einfordert.