Welches sind die Perspektiven von Porto Alegre?

Bernhard Cassen in Sozialismus (11.11.2002)

Im Jahr 2001 hat man das Weltsozialforum (WSF) bewusst zeitgleich zum Weltwirtschaftsforum (WWF) in Davos gelegt. ...

... Da sich diese Terminierung bewährte, hielt man auch 2002 und in der Planung für 2003 daran fest, das Weltsozialforum im jeweils folgenden Jahr am 23. Januar, also am gleichen Tag wie Davos, beginnen zu lassen.
Aber bezeichnenderweise wurde in keinem der Vorbereitungstreffen des Internationalen Rats, an denen ich seit über einem Jahr teilnehme, ein Wort über diese Gleichzeitigkeit und über das damit verfolgte Interesse verloren. Der Termin passt einfach ganz gut, und man hat sich daran gewöhnt. Schließlich ist er ein Fixpunkt im randvollen Terminkalender. Deshalb überlassen wir es bequemerweise dem Weltwirtschaftsforum, unsere Termine gleich mit festzulegen.

Diese relative Gleichgültigkeit zeigt, dass das WSF künftig auch ohne den negativen Bezugspunkt Davos auskommen kann, dass es seine eigene Existenzberechtigung hat und es deshalb nicht notwendig ist, einmal im Jahr Front gegen die selbst ernannten Herren der Welt zu beziehen. Das WWF steckt derzeit in einer schweren Legitimitätskrise, und es wäre eine interessante Forschungsaufgabe herauszufinden, wie viele der zwielichtigen amerikanischen Konzernchefs, die gerade auf der Anklagebank oder hinter Gittern sitzen, an diesen Sitzungen in Davos teilgenommen haben. Alles deutet darauf hin, dass sich das WWF, wenn es denn überhaupt einen Weg aus dieser Krise findet, eher gegenüber Porto Alegre definieren muss als umgekehrt. Denn das radikal Neue am WSF besteht darin, dass man von einer Kultur des "Nein" zu einer Kultur des "Ja" übergegangen ist und dabei die Kritik an den bestehenden Verhältnissen integriert hat. Zum Ausdruck kommt dieser Wandel implizit in dem Motto "Eine andere Welt ist möglich". Deutlich wird dieser Wandel aber auch, wenn es darum geht, Alternativen zu entwerfen. So zeichnen sich die Konturen einer weltweiten Koalition sozialer Bewegungen ab, die längst nicht immer derselben Funktionslogik gehorchen: Gewerkschaften und Vereinigungen,[1] aber auch kirchliche Strukturen, ja sogar Zusammenschlüsse von kleinen und mittleren Unternehmen und auch Volksvertreter auf nationaler und lokaler Ebene, die auf der Grundlage des allgemeinen Wahlrechts nach den jeweiligen Gegebenheiten demokratisch gewählt wurden.

Schon in den ersten Texten, vor allem aber in der Charta der Prinzipien als dem grundlegenden Bezugstext, definiert sich das WSF gleichzeitig als ein Raum und als ein Prozess, keinesfalls aber als eine Einheit. Seit Porto Alegre 1 (2001) geht es tatsächlich um einen Ort des Austausches, des Dialogs, der Ausarbeitung von Vorschlägen, der Umsetzung von Handlungsstrategien und der Bildung von Koalitionen zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren, die die neoliberale Globalisierung ablehnen.

Diese Ablehnung ist die unumgängliche Voraussetzung für die Mitarbeit am WSF. Jede einzelne Maßnahme, die in diesem Rahmen beschlossen wird, ist aber nur für die Organisationen verbindlich, die sich hier einbringen wollen. Diese Verbindlichkeit gilt nicht für alle Organisationen, die auf dem Forum präsent sind. Das WSF beschließt also keine Positionen als solche, bei den Versammlungen wird kein "Abschlusskommuniqué" verfasst. Es gibt nur Texte, die im Verlauf des WSF angenommen werden, aber keine des WSF, abgesehen von jenen Texten, die eben diese Spielregeln festlegen. Das gilt nicht nur für das WSF selbst, sondern auch für seine kontinentalen und thematischen Untergliederungen, ebenso wie für den Internationalen Rat als seine politische Lotsenstruktur. Zwischen den Mitgliedern des Rates gibt es selten Meinungsverschiedenheiten über die politischen Maßnahmen, die auf dem einen oder anderen Gebiet getroffen werden sollen. Aber diese Einstimmigkeit, wenn sie denn wirklich gegeben ist, mündet trotzdem nicht in eine Position des Rates.

Das Forum ist auch ein Prozess, der seit Porto Alegre 1 einer eigenen Dynamik gehorcht: Es strahlt auf andere Länder und Kontinente aus und trägt dazu bei, dass überall die segmentierten sozialen Kräfte mobilisiert werden und sich aufeinanderzubewegen.

Dieser Status des WSF ist von den Beobachtern, insbesondere von den Journalisten, nicht immer verstanden worden - manchmal auch nicht von den eigenen Protagonisten. Für die erste Gruppe war es schwierig zu akzeptieren, dass ein Forum ohne Vorschläge und offizielle Verlautbarungen zu Ende geht. Deshalb behaupten sie oft, dass wir nicht imstande seien, zu "positivieren", unsere Positionen klar darzulegen, und dass wir an Boden verlören, sobald wir uns der Realität stellen müssten. Dabei hätten sie nur in einige der 400 Workshops beim WSF 2001 oder in einige der 750 Workshops beim WSF 2002 gehen müssen, um zu erkennen, dass das WSF einem Ameisenhaufen ähnelt, in dem es von Vorschlägen nur so wimmelt.

Mit Blick auf die zweite Gruppe ist es verständlich, dass man nur schwer der Versuchung widerstehen kann, den Forderungen, die bisher nicht den gebührenden Platz in der öffentlichen Diskussion gefunden haben, das Etikett "Porto Alegre" umzuhängen. Schließlich ist "Porto Alegre" schnell zu einem öffentlichkeitswirksamen Siegel geworden. Aber wie man gesehen hat, hält das brasilianische Komitee konsequent am Kurs, das WSF nicht in eine Beschluss fassende Einheit umzuwandeln, fest, und dieser Kurs wurde vom Internationalen Rat bestätigt. Allein schon der gesunde Menschenverstand zeigt, dass nur durch diesen Kurs die permanente Ausdehnung gewährleistet werden kann, vor allem mit Blick auf die Gewerkschaften und die großen Verbände, die besonders große Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit Bewegungen haben, die sie bisweilen für nicht repräsentativ und "aktionistisch" halten.

Der Prozess WSF - das ist der passende Begriff - ist meines Erachtens in doppelter Hinsicht ein geschichtlicher Meilenstein:
- zuerst durch die fortschreitende, weltweit betriebene Herausbildung eines Ideengerüsts, das auf einen immer größeren Zuspruch der gesellschaftlichen Akteure (mit den methodischen Sicherheitsvorkehrungen, die ich gerade erwähnt habe) stößt, was die Analyse und die Vorschläge anbelangt, die in scharfem Gegensatz zu den liberalen Politikstrategien stehen: eine Art von "Konsens von Porto Alegre", der dem "Konsens von Washington" entgegentritt;
- sodann durch die geografische Multipolarität der Kräfte und Akteure im WSF; die Tatsache, dass eine Stadt in Brasilien, also eine Stadt des Südens, zur Fahnenträgerin bestimmt wurde, ist ein symbolischer Ausdruck dafür.

Die grundlegende Aussage von "Porto Alegre", wonach "eine andere Welt möglich ist", stellt den unumkehrbaren, unvermeidbaren, und insgesamt "segensreichen" Charakter der neoliberalen Globalisierung in Abrede, wie Alain Minc[2] diese Entwicklung nannte (und an die er bis heute glaubt, so verblüffend das auch erscheinen mag). Das jedenfalls haben uns die Verfechter des Liberalismus - Wirtschaftsjournalisten, Leitartikelschreiber, Essayisten aller Art, multilaterale Institutionen und Regierungen - in den letzten beiden Jahrzehnten immer wieder vorgekaut. Allerdings haben sie vergessen, uns zu sagen, dass diese neoliberale Globalisierung und ihre räumlichen Ausprägungen, vor allem die europäische Variante, ein Räderwerk ist, das sie selbst geschaffen haben!

In Europa machten einige daraus keinen Hehl: So konnte Elie Cohen, ein Wirtschaftswissenschaftler, der im Umfeld der sozialistischen Minister und von Lionel Jospin selbst viel Gehör fand, kühl feststellen, dass die "EU-Zwänge zu einem strategischen Instrument im Spiel der politischen Kräfte auf nationaler Ebene geworden sind. Einige bestimmte, sich gegenseitig erfordernde Reformen riefen zwar heftige politisch-gewerkschaftliche Gegenreaktionen auf nationaler Ebene hervor, wurden aber im Namen des segensreichen außenwirtschaftlichen Wettbewerbszwangs umgesetzt. Die marktorientierten Politikstrategien bilden in ihrer Gesamtheit ein Räderwerk, das den Zwang reproduziert, den sich die Mitgliedsländer der Europäischen Union und in besonderem Maße die romanischen Länder (Frankreich, Spanien, Italien) auferlegt haben, um neue politische Paradigmen in den geschützten Wirtschaftsbereichen durchzusetzen, dort wo der Syndikalismus immer noch stark war und wo der politische Konsens größere Strukturveränderungen"[3] faktisch nicht zuließ.

Jacques Delors sagte nichts anderes, als er in Form eines Buchtitels der Notwendigkeit Ausdruck verlieh, Frankreich mit Hilfe von Europa (im Original "La France par lÂ’Europe", d.Ü.) zu gestalten. Alain Touraine war noch direkter: "In Frankreich war das Wort Liberalismus diskreditiert, also hat man ein anderes gefunden: Europa."[4] Es ist schon bemerkenswert, dass Leute, die der Sozialdemokratie (vermeiden wir es hier von der "Linken" zu sprechen, um diese Leute nicht zu schockieren) angehören oder ihr nahe stehen, ohne mit der Wimper zu zucken dermaßen zynisch darüber sprechen, wie die Rechte der Staatsbürger von den Regierungen unterminiert wurden. Für die Regierungen ist der Umweg über die "höheren Sphären" der EU, wo sie unter ihresgleichen einen Zwang konstruieren und - wie La Boétie das nennt -, die "freiwillige Unterordnung", die sie allen ihren Völkern verordnen, Legitimation und Absolution zugleich ist. Denn wer wagt es schon, gegen Europa zu sein?

Was für die Europäer gilt, gilt auch für die Länder des Südens: Es sind ihre Regierungen, die mit dem IWF oder mit der Weltbank die Kreditauflagen aushandeln, und die dann darüber jammern, dass sie diese wohl oder übel und höchst widerwillig ihrer Bevölkerung verabreichen müssen. Seltene Einzelfälle sind diejenigen, die sich nicht erpressen lassen und die sich dem Tausch "Kredite gegen Sanierungspläne" verweigern. Während sich die einen zu solchen Maßnahmen nicht groß zwingen müssen, da sie ohnehin mit dem ausländischen Kapital persönlich verwoben sind, verfügen andere - und das sind gar nicht wenige - über sehr begrenzte Handlungsspielräume. Das muss man zu ihrer Entlastung anführen. Aber in allen Fällen wird der Ursprung der Schocktherapie oder der "Sanierungsmaßnahmen" außerhalb des nationalen Raumes verortet. Er wird als etwas dargestellt, was den höchsten Washingtoner Sphären entspringt, damit dem Widerstand dagegen der Wind aus den Segeln genommen wird.

Die Gegner der neoliberalen Globalisierung haben von ihren Widersachern gelernt, wie wichtig dieser Umweg über die höhere Ebene ist: von der nationalen Ebene auf die internationale und dann wieder zurück auf die nationale. Auf den großen Versammlungen von Seattle über Genua und Barcelona bis Sevilla sind Demonstranten verschiedenster Nationalitäten Seite an Seite marschiert. Ein jeder stellte eigene Forderungen an seine Regierung und hatte seine eigenen berufsspezifischen Interessen, aber alle stellten sich in einen globalen Zusammenhang. Tatsächlich dämmerte es jedem, dass sowohl der Widerspruch als auch alternative Gegenvorschläge in dem Maße wie die Kursbestimmungen, die auf internationalem Niveau vorgenommen wurden, die nationalen Politikstrategien vorzeichneten, ihrerseits auf der internationalen Ebene formuliert werden mussten. Und diese Gegenvorschläge müssen ganz anders als die neoliberalen Globalisierungsstrategien, die ein reines Produkt des Nordens sind, die Bestrebungen des Nordens und des Südens zusammenführen. Darin bestand die grundlegende Aufgabe des Weltsozialforums von Porto Alegre.

Den Vorsitzenden der transnationalen Konzerne, den Bankiers und den politischen Machthabern bieten sich das Jahr über zahlreiche Möglichkeiten, sich informell zu treffen, sei es in Davos oder bei lokalen Treffen ähnlichen Zuschnitts, sei es im Rahmen trilateraler Kommissionen oder beim Runden Tisch der europäischen Industriellen, beim Transatlantic Business Dialogue, beim Weltgeschäftsrat für nachhaltige Entwicklung (der sich an den jüngsten Gipfel von Johannesburg angehängt hat) oder auf den zahlreichen Symposien, die von amerikanischen oder europäischen Stiftungen organisiert werden. In der gedämpften Atmosphäre dieser Konklaven diskutiert man über den Stand der Globalisierung, über die Gefahren, die auf ihr lasten, über die Widerstandskraft der Globalisierungsgegner und darüber, wie man ihnen entgegentreten soll. Da braucht man keine Kommuniqués. Die Informationen und die ständig aktualisierten Strategien kursieren von Mund zu Mund, zumal in diesen Weltleitzentralen persönliche Bindungen geknüpft werden.

Auf unserer Seite gibt es nichts dergleichen. Gewiss bieten sich für die Gewerkschaften durch ihre internationalen Strukturen, für die zahllosen Kampagnen und für die konfessionellen, universitären und humanitären Netzwerke immer wieder Gelegenheiten, sich regelmäßig zu treffen, aber die Erfahrung lehrt, dass von solchen Treffen kaum Impulse zu konzertierten Aktionen ausgehen. Was fehlte, war ein Raum, wo eine möglichst große Zahl von Akteuren, darunter auch die soeben genannten, sich zusammenfinden, sich austauschen und ihre Kämpfe darlegen konnten, obwohl die meisten unter ihnen mittellos, und nicht wenige geographisch isoliert sind.

Porto Alegre ist ein Raum, der ganz genau dieser Definition entspricht. Ein Raum, in dem schrittweise übereinstimmende Sichtweisen gefunden werden können, und in dem man sich darüber klar werden kann, wo genau bei den Fragen, die noch von den unterschiedlichsten Bewegungen diskutiert werden (wie etwa das Zusammenspiel zwischen dem internationalen Handel und den sozialen und ökologischen Normen), Einverständnis herrscht, und wo Divergenzen bestehen. Die Logik war durchaus dieselbe wie die der Liberalen: zuerst einen Grundstock an Vorschlägen legen, der auf breite Zustimmung stößt, zumal die Vorschläge durch die "Handschrift" eines symbolhaften Ortes - Porto Alegre - legitimiert sind. Dann nach Wegen suchen, wie die verschiedenen Bewegungen, Kampagnen, Gewerkschaften und die gewählten Volksvertreter diese globalen Alternativvorschläge vor Ort, das heißt den lokalen Gegebenheiten und den nationalen Kräfteverhältnissen entsprechend, umsetzen können.

Die zweite Stoßrichtung von Porto Alegre betrifft ein noch weitgehend unbestelltes Feld. Die Rede ist von dem weltweiten Prozess, bei dem nicht nur die Forderungen aufeinander abgestimmt werden, sondern auch die Art und Weise, wie diesen Forderungen Ausdruck verliehen wird. Was ich die neoliberale Internationale nenne (Weltbank, IWF, OECD, Welthandelsorganisation, etc.), mit dem amerikanischen Finanzministerium an der Spitze, mit ihren regionalen Statthaltern (Europäische Kommission, Regionalbanken) und ihren Verbindungsstellen (die Finanzministerien in den einzelnen Ländern, und in Frankreich vor allem die Finanzdirektion innerhalb des Ministeriums), setzt überall auf dieselben Politikstrategien und bedient sich zu deren Beschreibung immer desselben Vokabulars: Strukturanpassung, "Reformen" (der Alterssicherung, des öffentlichen Sektors, des Arbeitsrechts, der Sozialversicherung, etc.), "Unabhängigkeit" der Zentralbanken, Liberalisierung, Privatisierung, "freier" Kapitalverkehr, Investitionsfreiheit und "Freihandel", Modernität, Wettbewerbsfähigkeit, Konkurrenz, Rettungspläne (des IWF), Wertschöpfung oder Wertvernichtung, "corporate governance", "good governance", außenwirtschaftliche Sachzwänge, Flexibilität, Arbeitsvermittlungsfähigkeit etc. Dieses einzigartige Lexikon gibt die unterschiedlichen Facetten der neoliberalen Globalisierung wieder.

Um diesem Etikettenschwindel zu begegnen, wird gerade an einem Gegenlexikon gearbeitet. Dabei stehen wir im Augenblick vor folgendem Paradox: Wir sind uns zwar alle einig, dass wir das gegenwärtige Zwangs- und Unterdrückungsregime, das sich selbst schlicht und ergreifend als "Globalisierung" bezeichnet, "neoliberale Globalisierung" (auf Englisch neoliberal globalization, auf Spanisch globalizacíon neoliberal, auf Französisch mondialisation libérale) genannt werden sollte. Schließlich macht der Zusatz "neoliberal" den Unterschied. Aber wir verfügen noch über keinen Begriff, um uns positiv zu definieren, was unsere Schwierigkeit zum Ausdruck bringt, vom "Nein" zum "Ja" zu kommen. Sind wir "Alternativglobalisierer" oder Anhänger einer "solidarischen Globalisierung"? Oder sollen wir, wie der Inder Jay Sen, Mitglied im Internationalen Rat, fordert, das Adjektiv "sozial", das den WSF kennzeichnet, durch "zivilgesellschaftlich" ersetzen, etc.?

Solange wir jedenfalls die verfänglichen Begrifflichkeiten der Gegenseite verwenden, bewegen wir uns auf feindlichem Terrain und müssen uns mit den Problemstellungen und -lösungen, die sich unausweichlich daraus ergeben, herumschlagen. Politische und wirtschaftliche Hegemonie setzt zwangsläufig begriffliche Hegemonie voraus. Deshalb müssen wir uns ein eigenes Vokabular zulegen und Begriffe eigenständig bestimmen. Und so wird Porto Alegre von 2003 an auch eine weltweite (und logischerweise vielsprachige) Terminologie-Kommission werden, die sich mit der neoliberalen Globalisierung auseinandersetzt, und die sprachliche Werkzeuge für den Kampf dagegen schmiedet.

Das dritte positive Charakteristikum ergänzt das soeben ausgeführte: Die fortschreitende begriffliche Annäherung geht mit einer geografischen, sprachlichen und kulturellen Auffächerung der WSF-Entwicklung einher. Von einem weltweiten Sozialforum konnte man bei der ersten WSF-Tagung 2001 nur eingeschränkt sprechen. Die geografischen Hochburgen waren am Anfang Brasilien und Frankreich. Die Bewegung breitete sich rasch auf Südeuropa und - auf Grund der geografischen Lage von Porto Alegre - auf Lateinamerika aus. Demgegenüber waren unter den Teilnehmern wenige Afrikaner, Nord- und Osteuropäer, Asiaten und Nordamerikaner. Dafür konnte bei den Vorträgen, was die kontinentale Verteilung der Rednerinnen und Redner anbetraf, ein ausgewogenes Verhältnis hergestellt werden. Die Tatsache, dass so wenige Leute aus dem Süden teilnahmen, hängt sicher mit der räumlichen Entfernung und den knappen finanziellen Mitteln zusammen. Aber warum so wenige Nordamerikaner, bei denen diese Probleme nicht so schwer wogen, und die in früheren Kampagnen gegen neoliberale Projekte eine Hauptrolle gespielt hatten?

Ich denke, dass Peter Marcuse, Professor an der Universität von Columbia und Redner bei den ersten Weltsozialforen, die Antwort auf diese Frage geliefert hat: "Das ist ein einfaches Spiegelbild des amerikanischen Provinzialismus, ein bekanntes Phänomen. Wenn so etwas nicht in Amerika und nicht auf Englisch stattfindet, wenn es nicht von amerikanischen Gruppen organisiert wird, dann kann es auch nicht so interessant und schon gar keine Fortsetzung von Seattle"[5] sein.

Ich bin der Meinung, dass die schwache Präsenz amerikanischer Gruppen im Jahr 2001 paradoxerweise einer der Schlüssel zum Erfolg für die Entwicklung des WSF wurde. Deshalb habe ich das auch überhaupt nicht bedauert. Wenn die Nordamerikaner zahlreich erschienen wären (was sie aus sehr pragmatischen Gründen im darauf folgenden Jahr auch getan haben), wäre die Ausrichtung des WSF, die ja multipolar sein sollte, aufgrund der Stärke und Erfahrung der amerikanischen Gruppen vom Norden, insbesondere von Nordamerika, bestimmt worden. Auch nachdem sich eine europäisch-lateinamerikanische Formation herausgebildet und gefestigt hatte, auch nachdem sich diese Formation zuerst auf Afrika, dann auf Asien ausgedehnt hatte, verblieb noch gebührend viel Raum für unsere amerikanischen Mitstreiter, die diesen allerdings noch nicht vollständig ausfüllen.

Das WSF ist dabei, eine sowohl spezifische als auch dynamische "Kultur" zu entwickeln - je nachdem, ob die Strukturen von Porto Alegre nach Lateinamerika, nach Afrika, nach Europa oder nach Asien "verlagert" werden. Definitionsgemäß widersetzt sich diese Kultur jeder Form von Vormachtstellung. In Porto Alegre ist die Verkehrssprache Spanisch, einfach deshalb, weil viele Teilnehmer aus Lateinamerika kommen. Es ist schon ein gewaltiger kultureller Schwenk, wenn ein internationales Treffen dieser Größe nicht auf Englisch abgehalten wird! Das gilt auch für die ersten Sitzungen des Internationalen Rates. Man stellte fest, dass fast alle Teilnehmer, für die Spanisch nicht die Muttersprache war, Spanisch sprachen und verstanden. Eigentlich diskutierten nur einige italienische Delegierte auf Englisch.

Bei der Versammlung des Rates in Dakar stand das Französische auf der gleichen Stufe wie das Spanische, deutlich vor dem Englischen, das allerdings in Bangkok wieder an Bedeutung gewann, da Englisch (fast) die einzige gemeinsame Sprache in den meisten Ländern Ostasiens und des Südens ist. Die Vielsprachigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeitskultur im WSF. Das verpflichtet uns, bald den Rahmen der vier offiziellen Sprachen (Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch) zu sprengen, um uns in naher Zukunft zumindest dem Arabischen zu öffnen. Außer den Sprachen müssen wir auch unsere Diskussionskultur diversifizieren, und die "Asiatisierung" des WSF (das steht 2004 in Indien, einem Land, von dem wir noch sehr wenig wissen, auf dem Programm) macht dies neben anderen Gründen auch erforderlich.

Von unserer Fähigkeit, eine gemeinsame Diskussionskultur zu entwickeln, wird wesentlich die Zukunft dieser "dynamischen Kraft", die das WSF jetzt schon ist, abhängen. Es besteht jederzeit die Gefahr, dass das WSF eine Institution wird, sicher nicht wie jede andere, aber doch eine, mit der der Neoliberalismus leben kann. Dagegen wird viel getan werden müssen, damit es sich in eine weltweite Bewegung verwandelt, die imstande ist, die Bedingungen für eine neue "Große Veränderung" zu schaffen, um den Titel des Klassikers von Karl Polanyi aufzugreifen. "Eine andere Welt ist möglich", oder "Andere Welten sind möglich" wie es Subkommandant Marcos lieber ausdrückt. Der Weg in eine andere Zukunft ist nicht versperrt, die Voraussetzungen dafür sind gegeben, und der Wille dazu ist vorhanden. Ich glaube im Übrigen, dass sich diese Formulierung von den "anderen möglichen Welten" in den kommenden Jahren durchsetzen wird, um der Pluralität der Antworten auf die neoliberale Globalisierung gerecht zu werden.


Anmerkungen:

Bernard Cassen ist Journalist, Generaldirektor von "Le Monde Diplomatique", Präsident von Attac Frankreich und Mitglied des internationalen Rats des Weltsozialforums. Den Beitrag entnahmen wir mit freundlicher Genehmigung von Bernard Cassen dem Oktober-Heft 2002 von "la revista del manifesto". Aus dem Französischen von Axel Eberhardt und Martina Wörner.

[1] Ich verwende nur sehr selten, das heißt ausschließlich in Zusammenhängen, die das rechtfertigen, die sehr in Mode gekommene Abkürzung NGO, die für Nicht-Regierungsorganisationen steht. Eine NGO ist eine Vereinigung, die von einer zwischenstaatlichen Organisation (UNO, Europarat, etc.) anerkannt wird. Alle NGOs sind Vereinigungen, aber nur sehr wenige Vereinigungen erfüllen die Voraussetzungen einer NGO oder unternehmen Schritte, um diese Voraussetzungen zu erfüllen. Im Allgemeinen handelt es sich bei den NGOs um große Strukturen mit zahlreichen ständigen Mitarbeitern (vom Typ Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam). Sie stützen sich eher auf Lobbying-Strukturen, um an finanzielle Mittel zum Ausbau ihrer Tätigkeitsfelder heranzukommen, als auf Bürgerbewegungen.
[2] Diese unvergessliche Formulierung, Der Segen der Globalisierung, ist der Titel seines Buches, das in den éditions Plon, Paris, 1997 veröffentlicht wurde.
[3] Elie Cohen: "La Tentation hexagonale", Fayard, Paris 1996
[4] Alain Touraine: "Le marché, lÂ’Etat et lÂ’acteur social", in: Cultures en mouvement, n° 17, Mai 1999
[5] Zitiert nach Naomi Klein: "A Fete for the End of the End of History", in: The Nation, 19. März 2001

erschienen in: Heft Nr. 11 (November 2002), 29. Jahrgang, Heft Nr. 260